Ein Donnerstag zwischen Dinosauriern, Schützengräben und Piraten

eine Festivalreportage

Das sechste Rock Castle Open Air fand vom 13. bis 15. August 2026 im Areal des Schlosses Moravský Krumlov statt und hat sich bereits in der internationalen Festival-Liga etabliert. Was dieses Festival so besonders macht, ist dabei längst nicht mehr nur das starke Billing. Es ist das Gesamtpaket: eine außergewöhnliche Location, kurze Wege, faire Preise, eine entspannte Atmosphäre und ein Publikum, das längst weit über die tschechischen Grenzen hinausreicht.

Auch die heurige Ausgabe war wieder ein ungewöhnlich tolles Erlebnis – mit super Bands, toller Stimmung und tollen Leuten. Im Campground und im Infield traf man Headbanger aus Tschechien, Österreich, Deutschland, der Slowakei, Großbritannien, der Schweiz und sogar aus Brasilien. Metal kennt eben keine Grenzen.

Viele Fans waren bereits am Mittwoch angereist und machten aus der Ankunft kurzerhand den ersten Festivaltag. Auf dem Campingplatz wurden alte Kontakte gepflegt, neue Freundschaften geschlossen und das eine oder andere Pivo geleert. Die VIP-Campingplätze waren rasch vergriffen. Kein Wunder, denn wer einmal die familiäre Atmosphäre des Rock Castle erlebt hat, kommt gerne wieder.

Ein Metalhead aus der Schweiz, präsentierte seinen eigens hergestellten „ROCK GIN“.

Ganz ohne Herausforderung blieb das Festival allerdings nicht. Das Wetter zeigte sich von seiner gnadenlosen Seite: irrsinnige Hitze und ein entsprechend staubiger Festivalboden verlangten Mensch und Material einiges ab. Dafür stimmte das Preis-Leistungs-Verhältnis wieder einmal. Auch die Verpflegung konnte überzeugen. Ein kleiner persönlicher Wermutstropfen blieb allerdings: Mein Lieblingsbier wurde leider nicht mehr auf dem Festivalgelände ausgeschenkt.

Musikalisch garantierte das Line-up ohnehin für beinahe jeden Geschmack innerhalb des Metal-Spektrums etwas. Und schon der Donnerstag machte deutlich, dass sich die Veranstalter nicht auf einen einzigen Stil festlegen wollten. Symphonic Metal traf auf Power Metal, Hard Rock, Gothic Rock, Blackened Death Metal, klassischen Metal und schließlich auf jede Menge Party.

Donnerstag – zehn Bands und ein Schlossgarten voller Metal

Der Donnerstag startete um 12 Uhr mit Deep Sun. Die Schweizer Symphonic-Metal-Band war kurzfristig für die ursprünglich angekündigten Brasilianer Noturnall eingesprungen. Der Veranstalter bestätigte den Wechsel offiziell und beschrieb Deep Sun als Band, die epische Orchestrierung, kraftvolle Metal-Riffs und emotionales Storytelling miteinander verbindet.

Danach betraten Victorius aus Leipzig die Bühne. Die 2004 gegründete Power-Metal-Band verbindet klassischen, hymnischen Power Metal mit einem ziemlich ungewöhnlichen Faible für Dinosaurier, Ninjas und Science-Fiction. 2026 erschien das neue Album World War Dinosaur, und genau dieses Konzept prägt auch die aktuelle Live-Show.

Ich muss gestehen: Victorius kannte ich vorher nicht. Umso größer die Überraschung. Die Leipziger holten mich gleich ab. Eingängige Melodien, jede Menge Energie und ein augenzwinkerndes Konzept sorgten schon am frühen Nachmittag für gute Stimmung.

Mit Thundermother wurde es anschließend rockiger. Die schwedische Hard-Rock-Institution lieferte genau das, was man von einer solchen Band erwartet: dreckige Gitarren, treibende Rhythmen und jede Menge Rock’n’Roll-Attitüde. Die aktuelle Live ’n‘ Alive Tour setzt auf eine Mischung aus neueren Songs und bewährten Live-Favoriten.

Danach wurde es düsterer. Hell Boulevard aus Italien brachten ihren Mix aus Hard Rock, Gothic und dunkler Theatralik auf die Bühne. Mit Songs wie The Fine Art of Breaking Up, She Just Wanna Dance und Satan in Wonderland ist die Band irgendwo zwischen düsterem Rockclub und großer Festivalbühne zuhause.

Auf Brunhilde folgte eine weitere stilistische Wendung. Die deutsche Band bewegt sich zwischen Alternative Rock, Hard Rock und Metal und ist besonders für ihre eigenwillige Mischung aus Härte und eingängigen Strukturen bekannt. Trotz der brütender Hitze ließen es sich etliche Headbanger nicht nehmen und moshten was das Zeug hält.

Kanonenfieber – Geschichte mit Donnerhall

Um 17:20 Uhr wurde es ernst. Kanonenfieber verwandelten den Schlossgarten in einen Schützengraben. Das Projekt von Mastermind Noise beschäftigt sich konzeptionell mit dem Ersten Weltkrieg. Die Texte basieren vielfach auf historischen Briefen und Dokumenten und sollen das Grauen des Krieges aus Sicht des einzelnen Soldaten vermitteln – nicht glorifizieren. Die Bandmitglieder treten bewusst maskiert und anonym auf und orientieren sich damit am Bild des unbekannten Soldaten.

Kanonenfieber frischten mit einer harten Brise Metal das Geschichts-Know-how auf und sparten dabei nicht mit Pyrotechnik. Was auf den ersten Blick fast wie ein martialisches Spektakel wirkt, bekommt durch die historische Grundlage eine ganz andere Dimension. Die Songs erzählen nicht von glorreichen Schlachten, sondern von Leid, Angst, Tod und der Sinnlosigkeit des Krieges.

Nach diesem musikalischen Ausflug in die Geschichte wechselte die Stimmung wieder deutlich. Dynazty übernahmen um 18:40 Uhr und brachten modernen, melodischen Power Metal in den Schlossgarten. Die Schweden kombinierten große Refrains mit druckvollen Gitarren und einem sehr zeitgemäßen Sound.Das tschechische Publikum feiert Dynazty als wäre es ein Headliner – was für eine Metalparty.

Sonata Arctica feiern 30 Jahre

Um 20 Uhr war es Zeit für einen echten Festival-Klassiker: Sonata Arctica. Die finnischen Power-Metal-Veteranen feierten 2026 ihr 30-jähriges Bühnenjubiläum und hatten dafür ein Hit-lastiges Set im Gepäck. Der Veranstalter kündigte ausdrücklich ein Programm mit den größten Klassikern der Band an.

Und genau das bekamen die Fans. FullMoon, I have a right und Don’t Say a Word gehören zu jenen Songs, bei denen ein Metal-Publikum nicht lange zum Mitsingen aufgefordert werden muss.

Alestorm – Piratenparty im Schlossgarten

Um 21:50 Uhr enterte schließlich Alestorm die Bühne. Die Schotten gelten als eine der bekanntesten Bands des sogenannten Pirate Metal. Gegründet wurde die Band 2004 in Perth zunächst unter dem Namen Battleheart; mit einer Mischung aus Power Metal, Folk-Elementen und Piraten-Thematik entwickelte sie ihren unverwechselbaren Stil.

Mit dem aktuellen Material von The Thunderfist Chronicles und den altbekannten Party-Hymnen war klar, wohin die Reise gehen würde: volle Segel voraus und Bierbecher in die Höhe.

Meine Meinung: Alestorm ist für mich nicht wirklich ein Headliner. Dafür fehlt mir musikalisch etwas die Tiefe, die ich von einem Festival-Headliner erwarte, jedoch ist das objektiv betrachtet und boten trotzdem eine tolle Show. Man muss diesen Spaßmetal einfach mögen – und wer sich darauf einließ, bekam eine ausgelassene Piratenparty mit fetten Riffs, Mitsingmomenten und jeder Menge Augenzwinkern.

Frog Leap – wenn Pop plötzlich Metal trägt

Wer nach Alestorm glaubte, der Abend könne nicht noch ungewöhnlicher werden, hatte die Rechnung ohne Frog Leap gemacht. Um 23:50 Uhr ging der letzte Act des Donnerstags auf die Bühne.

Hinter Frog Leap steht der norwegische Musiker Leo Moracchioli, der mit seinem YouTube-Projekt Frog Leap Studios weltweit bekannt wurde. Seine Spezialität: bekannte Pop- und Rockhits werden in aufwendig produzierte Metal-Versionen verwandelt. Aus Africa, Hello, Zombie oder Eye of the Tiger werden so plötzlich schwere Gitarrenmonster.

Für mich war Frog Leap eine positive Überraschung. Coole Pop-Songs, mit Metal aufgemotzt – und das funktionierte live erstaunlich gut. Gerade nach einem langen Festivaltag war diese Mischung aus Bekanntem und völlig neuem Gewand eine hervorragende Wahl für den letzten Slot.

Damit endete gegen 1 Uhr morgens der erste Festivaltag – zumindest musikalisch. Denn auf dem Campingplatz war natürlich noch lange nicht Schluss. Der Staub des Tages hatte sich längst über Schuhe, Hosen und Cases gelegt, die Ohren klingelten angenehm und irgendwo öffnete sich mit ziemlicher Sicherheit gerade das nächste Pivo.

Und genau das ist Rock Castle: Man kommt wegen der Bands, bleibt wegen der Atmosphäre und trifft dabei Menschen aus aller Welt, die dieselbe Leidenschaft teilen.

Der Donnerstag hatte bereits eindrucksvoll gezeigt, wie breit das musikalische Spektrum des Festivals ist. Doch wer glaubte, damit sei das Pulver bereits verschossen, sollte sich die nächsten beiden Tage ansehen:

Dazu lest den zweiten Teil mit Powerwolf, Testament, Black Label Society, Savatage und viele mehr..

By Olli C

Passionierter Motorradfahrer sowie "Möchtegern"- Schlagzeuger und Fotograf aus Österreich. Bevorzugt Powermetal, traditionellen Heavy Metal, NWOBHM, Thrash, Melodic Death,Sleeze, Gothic, Symphonic Metal, Glam aber auch Hard Rock. Ist mit seiner Kamera in Wien, Niederösterreich, der Steiermark dem Burgenland, Slowenien, Ungarn und in Tschechien unterwegs für Konzert und Festivalreportagen. Macht jedoch auch Albumreviews und wirft ein Auge auf Undergroundbands. Moderierte früher Metalshows auf diversen Internetplattformen.

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