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Hämatom: Gitarrist Ost im Interview vor dem Halli Galli Autokino-Konzert am 28.05.2020 in Düsseldorf

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Telefon-Interview mit Gitarrist Ost von Hämatom, 19.05.2020

Hamburg Metal Dayz 2019

Rock Magazine (RM): Hallo Ost, schön, dass Du Dir die Zeit für dieses Interview genommen hast. Wie geht es Euch als Band in der Krise? Wie erlebt ihr die Situation?

Ost: Hallo Karina, wir versuchen das Beste daraus zu machen. Es sind verschiedene Phasen, die man so durchläuft. Irgendwie ist es total spannend, das Ganze mal so zu erleben, wenn man das im Detail betrachtet:
-Was kann innerhalb kürzester Zeit passieren?
-Was kann sich alles verändern, was man vorher als in Stein gemeißelt gesehen hat?
-Wie schnell kann plötzlich Politik reagieren, was man früher nicht für möglich gehalten hätte?

Man dachte, die Mühlen mahlen so langsam und es dauert ewig, bis da irgendwelche Veränderungen kommen können. Plötzlich ging alles innerhalb von wenigen Tagen und von der Warte aus finde ich das eine total spannende Zeit, in der wir da sind. Die ich wahrscheinlich in den nächsten 30 Jahren – so ich sie erlebe, und noch nicht einmal meine Kinder nochmal so erleben werden.

Aus Sicht der Band hat es uns vielleicht gar nicht so richtig hart getroffen – ich will da gar nicht viel jammern. Wir mussten natürlich eine Tour absagen, die Mega gut lief und total Spaß gemacht hat, aber wir konnten es verschieben und machen seitdem irgendwie das Beste daraus.

Viel schlimmer hat es unsere Crew getroffen, unsere Techniker, die Veranstalter, die Club-Betreiber etc. Die sind gerade richtig am Arsch. Deswegen, wir

können als Band nicht klagen. Ich würde mir jetzt nicht anmaßen, mich als Band hinzustellen und zu sagen, ich werde morgen verhungern, weil es uns so schlecht geht. Trotzdem gab es auch schon mal schönere Zeiten.

RM: Irgendwie lässt man alle die im Hintergrund mit Kultur, Musik und Konzerten arbeiten komplett außer Acht. Da kümmert sich keiner drum.

Ost: Naja, es werden schon irgendwie große Töne gespuckt, was nicht alles gemacht wird. Aber irgendwie kenne ich dann doch keine, die in diese Töpfe rein passen und die wirklich auch davon profitieren. Die Soforthilfe hat ja tatsächlich ziemlich schnell funktioniert. Aber das war ja nicht allein für die Musik veranschlagt, sondern für alle. Es ist super, dass es bei uns so etwas gibt und wir in so einem Sozialstaat leben. Aber tatsächlich war die Kultur die erste Branche, die betroffen war und wird auch mit Abstand die letzte sein, die sich wieder öffnen darf. Die dann wieder so funktionieren kann, wie sie vorher funktioniert hat.

Wir werden einfach noch mehr Gas geben und uns den Arsch aufreißen!

RM: Das sehe ich leider auch so. Ich hab Euch am 29.02.2020 noch beim Tour-Auftakt in Geiselwind gesehen (Anm. hier geht es zum Bericht) und ihr wart auch mit eine der ersten Bands, die schon kurz nach dem Lockdown ein Quarantäne-Konzert gegeben habt. Das war höchst professionell aufgezogen. Ich habe viele ähnliche Konzerte danach gesehen, die da nicht dran gekommen sind und wo die Distanz zum (fehlenden) Publikum sehr stark zu merken war.

Ost: Ja komischerweise, ich weiß auch noch nicht, was wir anders gemacht haben. Aber irgendwie höre ich das immer wieder.

RM: Nächste Woche, am 28.05.2020 um genau zu sein, spielt ihr in Düsseldorf ein Konzert im Autokino. Da stellt sich für mich natürlich die Frage, wie ihr euch darauf vorbereitet und was ihr euch habt einfallen lassen, um eure gewohnt Live-Energie aufzubauen und diese Distanz zu überwinden, die dort natürlich auch sein wird.

Ost: Genau, die Distanz wird im Autokino auch nicht viel geringer. Wir werden einfach noch mehr Gas geben und uns den Arsch aufreißen, weil du irgendwie niemanden so richtig vor Dir hast. Das wird wie früher bei uns, wenn wir als Support bei Bands dabei waren, die musikalisch vielleicht nicht so mit uns zusammengepasst haben und die Leute am Anfang sehr skeptisch waren. Dann hast du als Band immer versucht, doppelt soviel Gas zu geben, um die Leute irgendwie rum zu kriegen oder um ihnen zu beweisen, wie cool du doch bist und wie geil du abgehen kannst. Und das wird, glaube ich, im Autokino ähnlich sein.

Naja ist das wirklich geil? Da spielst Du Autos an.

Ich glaube, das wir eher überpaisten, als das wir uns zurücklehnen. Ansonsten wird es ja auch die Art Abenteuer, von der ich am Anfang erzählt hab. Es ist halt eine spannende Zeit und es ist gerade alles anders, als es vorher war. Hat auch schöne Seiten und eine davon wird tatsächlich das utokino-Konzert sein.
Bei Alliggatoah oder Fury in the Slaughterhouse sind sie auch eher skeptisch ran gegangen an diese Shows, weil sie gedacht haben, naja ist das wirklich geil? Da spielst Du Autos an. Und dann waren sie aber total begeistert, weil irgendwie die Stimmung so besonders war. Durch diese Huperei, durch die Warnblinkanlagen, Lichthupen und Scheibenwischer. Ich denke, wenn man das Beste daraus macht, wird das auch irgendwie lustig. Nichts, was man jetzt jedes Wochenende irgendwie zweimal machen muss, aber ich glaube, man sammelt Erfahrung und bietet den Leuten in einer Zeit, in der wirklich gar nichts mehr an Kultur stattfindet, Unterhaltung. Das finde ich schon ganz gut.

RM: Das wird natürlich trotzdem sehr schwierig, weil es kein Schlagzeug-Crowd-Surfen geben wird, kein Spiel in der…

Ost: Doch!! Du glaubst es nicht! Es wird ein Schlagzeug-Crowd-Surfing geben. Lass dich überraschen.

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RM: Ich bin gespannt!! Super! Was erwartet die Fans sonst noch, habt ihr euch irgendwie besonders vorbereitet?

Ost: Das wird es definitiv geben. Bei Hämatom kannst Du natürlich davon ausgehen, dass wir versuchen werden, irgendeinen lustigen Bullshit zu machen, um den Leuten einen schönen Abend zu bieten. Zum einen wird es, soviel kann ich schon mal verraten, in angepasster Social-Distance-Form ein Crowd-Surfens geben und es wird auch diverse andere Specials während des Konzertes geben, damit das irgendwie was Besonderes wird. Also sich jetzt einfach auf die Bühne zu stellen, das Ding nur runter zu rocken, von der Bühne zu verschwinden und wieder nach Hause zu fahren, ich glaube, da sind wir auch die falsche Band dafür

RM: Genau, das wäre nicht Hämatom. Mir fehlt da im Moment noch die Vorstellungskraft, ich bin sehr gespannt. Habt ihr auch ein besonderes LineUp?

Ost: Jein, wir spielen schon die Tourshow, aber wir werden von der FCKCRN EP mindestens zwei Songs spielen. Das heißt, zwei neue Songs werden es auf jeden Fall werden.

RM: Kann man Konzerte im Autokino überhaupt kostendeckend organisieren oder ist das doch mehr eine Aktion zur Erhaltung der Fannähe?

Ost: Es ist definitiv zweiteres. Die Produktionskosten sind so hoch von der Show. Das würden wir jetzt weniger machen, um Geld zu verdienen. Das ist ja wurscht! Es ist so wie es ist und das war uns auch von Anfang an klar, als wir da zugesagt haben. Es geht mehr darum, raus zu kommen, mal wieder zu spielen, die Jungs zu sehen und auch unseren Technikern irgendwie mal wieder die Möglichkeit zu geben, mal wieder ein kleines Taschengeld zu verdienen. Die sind ja irgendwie wirklich die ärmsten Schweine gerade und haben seit drei Monaten keinen Job. Das ist so, als würdest du Porzellan herstellen oder Brot backen, und plötzlich würde einer sagen: Ne, Brot backen ist jetzt vorbei, das ist verboten. Du darfst jetzt nicht mehr Brot backen. Dann würden die ganzen Bäcker da stehen und würden keinen Cent mehr verdienen. Und so geht es eben unserer Crew und vielen anderen Technikern in Deutschland, oder eigentlich sogar auf der ganzen Welt. Deswegen machen wir das: die haben ein bisschen was zu tun, man bietet Unterhaltung, man hat selber ein bisschen Spaß und wieder ein neues Abenteuer erlebt.

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RM: Mir ist es wichtig zu erwähnen, das dass für die Bands nichts mit Geld verdienen zu tun hat. Der ein oder andere hat nämlich vielleicht schon über die Eintrittspreise diskutiert und was er dafür bekommt.

Ost: Vor allem, wenn man sich die Eintrittspreise anschaut, die echt happig sind. Aber unter den Preisen sind wir, was ich jetzt gehört habe, immer noch die Günstigsten. Alligatoah war nochmal 20 € teurer, Fury in the Slaughterhouse ebenfalls, Sido war viel teurer. Es ist tatsächlich so, dass wir versuchen, mit einem Auge darauf zu schielen, das dass für die Fans nicht zu teuer wird, weil das Geld natürlich in der Krise auch knapper ist. Aber auf der anderen Seite muss es natürlich wenigstens kostendeckend funktionieren. Und auch das wird eng, aber auch da geht es uns in erster Linie nicht drum. Hämatom hat 15 Jahre lang nicht kostendeckend gearbeitet, sondern wir haben einfach immer nur das gemacht, worauf wir Bock hatten. Und das wird sich mit dieser Autokino-Show nicht ändern.

Saufspiele und außerplanmäßige EPs

RM: Was macht ihr in der Zwischenzeit, wo ihr ja nicht soviel unterwegs sein könnt? Schreibt ihr neue Songs?

Ost: Ja auch. Also als allererstes habe ich das Gefühl, seitdem die Krise losging arbeite ich doppelt soviel für Hämatom wie vorher (lacht). Es ist wirklich so, da wir in den sozialen Netzwerken sehr präsent sind, irgendwelche blöden Saufspiele dort machen, irgendwelche außerplanmäßigen EPs veröffentlichen und Videos drehen. Das war aber alles geplant, also nicht: so, jetzt haben wir Zeit, jetzt schreiben wir ein paar Songs, sondern wir wollten eh jetzt ins Studio gehen. Das versuchen wir gerade alles unter einen Hut zu kriegen. Uns wird es nicht langweilig und wir sind in der besonderen Situation, sagen zu können, dass wir uns das nächste halbe bis dreiviertel Jahr keine Sorgen machen müssen um uns.

RM: Ich denke, das freut uns alle zu hören! Auf was könnt ihr im Moment am wenigstens verzichten?

Es gibt für mich tatsächlich nichts Schöneres auf dieser Welt. Naja, vielleicht ein bisschen Sex, gutes Essen und die Familie.

Ost: Auf was ich in dieser Zeit am allerwenigsten verzichten könnte? Auf Live-Konzerte zu verzichten fällt mir schwer, die sind für mich das Wichtigste. Deswegen habe ich angefangen, Musik zu machen, deswegen mache ich immer noch Musik und egal wie kaputt und fertig ich nach so einem Wochenende bin, wenn ich mit dieser Band unterwegs war, es gibt für mich tatsächlich nichts Schöneres auf dieser Welt. Naja, vielleicht ein bisschen Sex, gutes Essen und die Familie – aber das steht schon tatsächlich auf der gleichen Ebene mit den anderen drei Sachen. Live spielen ist einfach das Schönste. Und das fehlt mir total. Und um die Frage von Dir zu beantworten: Ich stelle mir diese Krise sehr interessant vor ohne Internet. Wenn wir im Zeitalter der spanische Grippe 1918/19 wären, da würde es dann richtig interessant. So ein Lockdown und dann Quarantäne ohne Internet – das wäre nicht gut für die Gesellschaft.

RM: Das glaube ich auch. Jetzt hast du mir meine letzte Frage vermutlich auch schon beantwortet: Was ihr als erstes macht, wenn die Krise dann irgendwann vorbei ist. Wenn sie denn vorbeigeht.

Ost: Ich kann das ruhig schon verraten. Stellen wir uns vor, das Herr Söder z.B. sagen würde, nach Sonntag jetzt dürfen auch Rockbands wieder spielen. Ich würde versuchen, gleich am Montag auf irgendeine Bühne zu gehen und spontan ein Konzert zu machen. Das wäre tatsächlich das Erste, wo ich Bock drauf hätte. Mal wieder mit der ganzen Bande im Backstage rum zu lungern, auf die Bühne zu gehen mit den Leuten abzufeiern, Spaß zu haben und danach eine geile After-Show-Party zu feiern mit lauter schlechter Musik. Und am nächsten Tag aufzuwachen und zu denken: Genau das hast Du vermisst die letzten -keine Ahnung- Monate.

Wir haben schönes Wetter, wir können raus gehen, wir werden das schon irgendwie schaffen! 

RM: Danke, das Du Dich für dieses Interview zur Verfügung gestellt hast! Ich möchte Dir gern das letzte Wort überlassen, welche Botschaft hast Du für unsere Leser?

Ost: Das letzte Wort? Das wäre einfach DURCHHALTEN! Macht das Beste daraus Leute!
Haltet durch! Das hört sich alles nach Phrasendrescherei an, aber was bleibt uns denn anderes übrig? Ich denke, man muss sich immer vor Augen halten, das wir in Deutschland oder in Westeuropa einfach privilegiert sind und diese Krise echt irgendwie halbwegs unbeschadet überstehen werden. Da gibt es sehr viel andere Länder auf dieser Welt, die sehr viel beschissener dran sind, und das muss man sich immer wieder vor Augen führen. Wir haben schönes Wetter, wir können raus gehen, wir werden das schon irgendwie schaffen! Und irgendwann wird das mit der Kunst auch wieder zurückkehren.

Maskenball in Gelsenkirchen 2019

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Karina

Karina

Karina ist für uns an Rhein und Ruhr unterwegs. Sie hört neben Metal auch Irish Folk Punk, Deutsch- und Mittelalterrock.

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