Schon am frühen Nachmittag füllt sich der SparkassenPark bei bestem Festivalwetter. Bis zum letzten Song liegen fast zehn Stunden Live-Musik vor den rund 13.000 Besuchern, und der musikalische Bogen spannt sich von The Gems und Phil Campbell’s Bastard Sons über Nestor und Beyond the Black bis zu Airbourne und den großen Judas Priest.
The Gems eröffnen mit Druck
Um 13.45 Uhr beginnen The Gems den Festivaltag. Das schwedische Duo mit Guernica Mancini am Gesang und Mona Lindgren an der Gitarre, beide ehemalige Mitglieder von Thundermother – Schlagzeugerin Emlee Johansson verkündete im Frühjahr ihren Ausstieg aus der Band –, braucht keine lange Anlaufzeit. Gitarren, Bass und Schlagzeug stehen klar im Vordergrund, die Songs wirken kompakt und direkt.
Bei „Send Me to the Wolves“ zeigen The Gems früh, dass ihr von AC/DC-lastigem Riffrock geprägter Auftritt mehr als ein lockeres Aufwärmprogramm ist. Auch „These Old Boots“ nimmt das Tempo nur minimal zurück. Der Groove bleibt druckvoll, die Gitarren behalten ihre Schärfe, und das Publikum reagiert mit deutlichem Applaus.
Die 35 Minuten Spielzeit werden konsequent genutzt. The Gems liefern einen geradlinigen Start, der den Platz vor der Bühne schnell belebt.
Fotos @Kommodore Johnsen (Andreas Gey)
Phil Campbell’s Bastard Sons halten den Rock ’n’ Roll am Laufen
Am 13. März 2026 verstarb völlig überraschend der ehemalige Motörhead-Gitarrist Philip Anthony „Wizzö“ Campbell. Nach Motörhead gründete er Phil Campbell and the Bastard Sons, die sowohl eigene Songs als auch Coverversionen von Motörhead spielten. Seit 2016 veröffentlichten sie diverse Singles und insgesamt drei Longplayer.
Ohne ihren Vater übernehmen die Söhne Todd, Tyla und Dayne Campbell ab 14.40 Uhr als Phil Campbell’s Bastard Sons. An der Gitarre und am Mikrofon steht Julian Jenkins, den man als Frontmann von The Fury kennt. Im Vergleich zu den rifflastigen The Gems werden der Blues und der Sound nun rauer, schwerer und noch stärker vom klassischen Rock ’n’ Roll geprägt. Statt großer Inszenierung setzt die Band auf Gitarren, Tempo und Songs, die ohne Umwege funktionieren.
Mit Stücken wie „Born to Raise Hell“, „Killed by Death“ und „Ace of Spades“ ist die Verbindung zur Geschichte von Motörhead unüberhörbar. Die Songs werden in der unnachahmlichen Art von Motörhead dreckig heruntergezockt und dem Publikum ohne Umschweife zum Fraß vorgeworfen. Geiles Zeug.
Fotos @Kommodore Johnsen
Nestor setzen auf AOR, Melodie und große Refrains
Nestor gründeten sich bereits 1989, also gegen Ende der glorreichen Zeiten des AOR-Rock und Hair Metal. Nirvana und der Grunge übernahmen; Hard Rock und Heavy Metal waren für kurze Zeit Geschichte. Man jammte hier und da in einigen Clubs, blieb ohne größere Erfolge und ging ab 1996 getrennte Wege.
2021 besann man sich eines Besseren und entstieg dem musikalischen Sumpf wie Phönix aus der Asche – mit feinstem AOR-Stoff und geilem Rock.
Um 15.40 Uhr eröffnen sie ihren Slot mit „We Come Alive“. Nach den raueren Tönen zuvor verändert sich damit auch die Stimmung auf dem Gelände. Keyboards rücken stärker in den Vordergrund, die Gitarren klingen melodischer, und die Refrains sind klar auf gemeinsames Mitsingen ausgelegt.
Mit „Kids in a Ghost Town“ folgt früh ein Titel, der den Stil der Schweden besonders gut zusammenfasst: deutlich von den Achtzigern geprägt, eingängig und trotzdem druckvoll genug für die große Festivalbühne. Auch „In the Name of Rock ’n’ Roll“, „Stone Cold Eyes“, „Unchain My Heart“ und „Caroline“ verbinden AOR mit klassischem Hard Rock.
Nestor wirken dabei nicht wie eine Band, die einer vergangenen Zeit hinterherläuft. Sie spielen diesen Sound mit Überzeugung und sichtbarer Freude an großen Melodien.
Der lange Bühnensteg wird auch während dieses Auftritts immer wieder genutzt und bringt die Musiker näher an die vorderen Reihen. An der Gitarre steht Jonny Wemmenstedt, der mich in seinem Look und mit seinen Riffs wie kein anderer an den genialen schwedischen Saitenhexer Magnus Karlsson von Primal Fear erinnert. Nestor nutzen ihr einstündiges Set überzeugend und gewinnen sicher neue Fans.
Fotos @Kommodore Johnsen
Female Power mit Beyond the Black
Als Castingband kam man 2014 zusammen, debütierte 2015 mit dem Album „Songs of Love and Death“, feierte Riesenerfolge mit dem Nachfolger „Lost in Forever“, spielte auf dem Wacken Open Air, der Full Metal Cruise und allen großen Festivals – und bums, da war nur noch Sängerin und Frontfrau Jennifer Haben übrig.
Die aktuelle Besetzung mit dem genialen Saitenzauberer Chris Hermsdörfer, dem zweiten Gitarristen Tobias Lodes und Schlagzeuger Kai Tschierschky spielt seit 2016 ohne Unterbrechung zusammen. Man war fleißig, veröffentlichte vier weitere Alben und übertraf die Charterfolge von „Lost in Forever“ erstmals mit „Horizons“. Mit den beiden letzten Alben verpasste man die Poleposition nur knapp.
Beyond the Black starten um 17.10 Uhr mit „Time to Break the Silence“. Die Band geht ohne langes Intro in ihr Set und verbindet harte Gitarren mit eingängigen Melodien und den klaren Gesangslinien von Jennifer Haben. Derweil schreitet die Frontfrau in einem länglichen schwarzen Outfit langsam über den Bühnensteg auf ihre Fans zu und nimmt sie alle für sich ein.
Bei der dritten Nummer „Heart of the Hurricane“ klatschen viele Besucher begeistert über ihren Köpfen mit. Die Reaktion breitet sich sichtbar durch den vorderen Bereich aus und gehört zu den stärksten Publikumsbildern dieses Sets.
Zu den weiteren gespielten Titeln zählen unter anderem „Reincarnation“, „The Flood“, „Let There Be Rain“, das ältere und immer wieder gern intonierte „In the Shadows“ und natürlich „When Angels Fall“. Dabei bleibt genug Abwechslung zwischen schnellen Passagen, schweren Gitarren und ruhigeren Momenten.
Beyond the Black nutzen die volle Stunde, ohne das Set unnötig auszudehnen. Die Songs stehen im Mittelpunkt, die Ansagen bleiben kompakt, und der Bühnensteg wird immer wieder einbezogen.
Fotos @Kommodore Johnsen
Airbourne unter Strom
Um 18.45 Uhr rasen Airbourne auf die Bühne. Spätestens bei „Too Much, Too Young, Too Fast“ ist die Richtung klar: schnelle Wechsel, harte Gitarren und kaum Zeit zum Verschnaufen.
Joel O’Keeffe bestimmt das Bild. Er steht nur selten lange an derselben Stelle, läuft über die Bühne und nutzt den L-förmigen Steg immer wieder für Ausflüge ins Publikum. An dessen Spitze ist er den ersten Reihen besonders nah. Dort spielt er weiter, fordert die Fans heraus und dreht kurz darauf wieder in Richtung Band ab.
Bei „Hungry“ und „Back in the Game“ bleibt der Druck hoch. Das Publikum reagiert begeistert, viele Arme gehen nach oben. „Breakin’ Outta Hell“ passt wie Arsch auf Eimer und gibt exakt die Stimmung der Crowd wieder.
Sehe ich da nicht einen kleinen Moshpit im Publikum? Egal, zumindest kommen erstmals Crowdsurfer an der Absperrung an. Airbourne sind laut, wild, dreckig, herrlich unkonventionell – und gleichzeitig kommen die Riffs und Tracks erstaunlich präzise rüber.
Es folgen „Live It Up“ und das neue „Alive After Death“. Der Track fügt sich nahtlos in die Setlist ein. Anschlließend gibt es mit „Runnin’ Wild“ noch einmal die komplette Rifforgie, bei der keine Kehle und kein Auge trocken bleiben.
Airbourne sind einfach der Hammer. Einfache Riffs, knackige Grooves, Joels Rotzstimme und diese unvergleichliche Power – die Show geht steil.
Fotos @Kommodore Johnsen
Judas Priest liefern das große Finale
Um 20.30 Uhr übernehmen Judas Priest die Bühne: die Metalgötter und Mitbegründer der NWOBHM, angeführt vom unnachahmlichen „Godfather of Heavy Metal“ Rob Halford.
Zwei hohe Monitore an den Seiten zeigen Nahaufnahmen der Musiker. In der Mitte befindet sich eine große LED-Wand, davor hängt das markante, in allen Farben leuchtende Priest-Symbol. Im Hintergrund der Axtleute Richie Faulkner und Andy Sneap, der zugleich als Produzent tätig ist, von Altmitglied Ian Hill am Viertöner und dem hin und her tigernden Rob Halford leuchten insgesamt vier kleinere Wände auf. Passend zu den Songs zeigen sie die jeweiligen Plattencover oder daran angelehnte Motive.
Wie schon erläutert, wird auch der lange Bühnensteg vom Godfather konsequent genutzt, während sich die anderen eher im normalen Bühnenbereich aufhalten – Ian wie immer weiter hinten.
Nach dem Intro von Black Sabbaths „War Pigs“ legen die Himmelhunde gleich mit dem Übersong und absoluten Headbanger „You’ve Got Another Thing Comin’“ los. Gibt es einen Song auf diesem Planeten mit noch fetteren Grooves?
„Metal Gods“ und anschließend der nächste Abriss mit „Breaking the Law“ folgen. Einfach fett. Zahllose Arme gehen nach oben, gleichzeitig kommen wieder Crowdsurfer an.
Was für ein fetter, klarer und druckvoller Sound. Man hört jede einzelne Gitarre, den mächtigen Groove von Ian Hill und Scott Travis am Kit – seit 1990 dabei – und natürlich auch die immer noch bärenstarken Screams von Rob.
Mit „Steeler“ und „Delivering the Goods“ geht es tief in die Bandgeschichte. „Halls of Valhalla“ repräsentiert hier das Album „Redeemer of Souls“ und wird auf der Leinwand mit allerlei Wikinger-Stuff untermalt. Dann folgt mit dem bissigen „Panic Attack“ aktuellerer Stoff.
Die Visual Effekt entstehen nicht von Pyrotechnik, sondern mit LED-Animationen, Lasern, Licht und Bühnennebel. Bei dem epochal und in voller Breite zelebrierten „Victim of Changes“ dominieren orange-rote Farben und Nebel.
Das große Priest-Symbol bleibt als fester Mittelpunkt der Bühne sichtbar. Der Wechsel zwischen Livebildern, Grafiken und farbiger Beleuchtung ist richtig cool abgestimmt, ohne die Musiker hinter der Technik verschwinden zu lassen.
„Painkiller“ treibt das Set auf den Höhepunkt
Um 21.42 Uhr folgt „Painkiller“. Schlagzeug, Gitarren und Halfords hohe Gesangspassagen verlangen der Band noch einmal alles ab. Nach mehr als einer Stunde Spielzeit verliert der Auftritt weiterhin nicht an Präzision, nähert sich aber mit jeder Minute dem unweigerlichen Ende, das für Punkt 22 Uhr angekündigt ist.
Weiter geht es mit meinem Überalbum „Screaming for Vengeance“ und „The Hellion / Electric Eye“. Die Motoren knattern. Jeder im Rund – zumindest alle, die damals schon dieser Musik frönen konnten – denkt an 1983 und „Rockpop in Concert“.
Dann folgt das ultimative Bild des Heavy Metal: Rob Halford thront auf seiner Harley, und „Hell Bent for Leather“ erklingt. Der Innenraum bleibt bis zum Ende gefüllt. Auf den Seitenmonitoren wechseln Nahaufnahmen der Musiker mit Bildern der gesamten Bühne. Einfach wow.
Ein paar Minuten vor Schluss beginnt „Living After Midnight“, der Track, der seit Jahrzehnten jedes Priest-Event beschließt. Noch einmal sind alle Arme oben, dann endet unter großem Jubel das dritte BOBfest.
Fotos @Kommodore Johnsen
Ein Festivaltag, der einfach Lust auf die nächste Ausgabe macht
Das BOBfest 2026 überzeugte nicht allein durch die großen Namen. Entscheidend war, wie gut die verschiedenen Teile des Tages zusammenpassten. The Gems eröffneten mit geradlinigem Hard Rock, Phil Campbell’s Bastard Sons brachten Motörhead-geprägten Rock ’n’ Roll, Nestor setzten auf AOR und große Melodien.
Beyond the Black lieferten modernen melodischen Metal, Airbourne die energiegeladenste Show des Tages und die Metal Gods von Judas Priest einen starken, visuell durchdachten Abschluss.
Auch organisatorisch hat die dritte Ausgabe noch einmal zugelegt. Die Umbauten funktionierten, die Spielzeiten wurden eingehalten, und das Festival endete exakt wie angekündigt. Das gastronomische Angebot ließ für uns keine Wünsche offen, und wer wollte, konnte sich mit Merch und Vinyl eindecken.
Auch die nahe gelegene Parkplatzsituation für sieben Euro ist klasse, und viele nutzten offenbar wieder die Möglichkeit, dort in ihren „Schlafmobilen“ zu übernachten.
Zurück bleibt die Erinnerung an einen langen, aber kurzweiligen Festivaltag mit starkem Sound, engagierten Bands und einem Publikum, das bis zum letzten Titel mitging.
Die vierte Ausgabe ist bereits terminiert: Das nächste BOBfest findet am 24. Juli 2027 erneut im SparkassenPark statt. Das Line-up steht noch nicht fest, Tickets sind bereits erhältlich.
Aber nach diesem Tag braucht es eigentlich noch keine Bandnamen, um Vorfreude zu wecken. Der Termin dürfte bei vielen Besuchern bereits im Kalender stehen.
Redakteure: Karina und Kommodore Johnsen
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https://www.radiobob.de/bobfest-2026
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