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IRON MAIDEN – „Spielen Iron Maiden jetzt Volksmusik?“ Ein Review zum neuen Album „Senjutsu“

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Am 3. September veröffentlichen die Eisernen Jungfrauen ihr inzwischen 17. Studioalbum, welches auf den japanischen klingenden Namen „Senjutsu“ – frei übersetzt ‘Taktik und Strategie’ – getauft wurde. Bandmaskottchen Eddy durfte dafür auf dem Cover – wie bereits beim Vorgängeralbum von Mark Wilkinson nach einer Idee von Steve Harris genial gestaltet – in die Haut eines japanischen Samurais schlüpfen, und schaut wie üblich grimmig vom Cover entgegen – sieht ein klein wenig wie „Killers“ auf japanisch aus.

Nachdem mit „The Writing on the Wall“ schon am 15. Juli der erste Song aus der neuen Scheibe als aufwendig inszeniertes Animation-Video veröffentlicht wurde und damit kräftig die Werbetrommel gerührt wurde, hatte ich nun die Gelegenheit, mir schon mal das gesamte Album von Bruce & Co. vor der eigentlichen VÖ anzuhören. Der Appetizer und die erste Auskopplung waren schon mal sehr vielversprechend, so dass ich natürlich gespannt war, wie das gesamte Album letztlich klingen würde.

Allerdings machten es Maiden uns Pressemenschen auch nicht ganz so einfach, denn auch hier gab`s wie schon bei „The Writing on the Wall“ ein kleines Rätsel zu lösen, um an alle Infos und die Promo-Version von „Senjutsu“ zu gelangen. Um die ganze Sache nicht ganz so offensichtlich zu machen, versteckten Maiden ihr Album nämlich unter geheimem Synonym, so dass mir das Album in der Flut der täglichen Presseankündigungen und Neuankündigungen beinahe durch die Lappen gegangen wäre (Danke an Sonja von CMM für den Tipp 😉 )

 „Spielen denn Iron Maiden inzwischen Volksmusik?“ lautete die überraschte Reaktion eines Bekannten, der bei mir zufällig vorbeischaute, als ich mir gerade das neue Werk von Maiden bei der Arbeit im Garten per Bluetooth-Lautsprecher zu Gemüte führte. War wohl nicht ganz ernst gemeint von ihm, aber die gerade gehörten Klänge waren, obwohl er sofort Maiden heraushörte, doch etwas ungewöhnlich für seine Lauscher. 

Soviel schon mal vorweg an alle verunsicherten Fans – ihr braucht euch keine Sorgen zu machen, Bruce und Co. haben das Musikgenre nicht gewechselt!!! Wo Maiden drauf steht, steckt natürlich auch Maiden drin, wenn auch teils für Maiden zunächst etwas ungewöhnliche Töne zu hören sind. Aber die Band hatte ja bereits im Vorfeld angekündigt, dass sie auf dem neuen Album auch neue Ufer ergründen würden.

 „Senjutsu“ enthält natürlich nicht, wie schon etliche Alben davor auch, solche Überhammersongs à la „The Number of the Beast“ oder „Fear of the Dark„. Aber das war auch nicht unbedingt zu erwarten. Das Ergebnis kann trotzdem überzeugen und nach etlichen Durchläufen gefällt mir die Scheibe bzw. der Promostream von Mal zu Mal besser. Insgesamt erreicht das Album natürlich wie von Maiden als Megaplayer nicht anders zu erwarten war, einen überdurchschnittlich hohen Qualitätslevel, auch wenn sich „der“ herausragende Song und künftige Live-Klassiker  irgendwie noch nicht ganz für mich herauskristallisiert hat.

Das Album wurde bereits 2019 im Guillaume Tell Studio in Frankreich eingespielt , wo auch schon das Vorgängeralbum „The Book of Souls“ aufgenommen wurde.

Steve Harris sagt dazu: “Wir entschieden uns, wieder im Guillaume Tell Studio in Frankreich aufzunehmen, weil dieser Ort einfach einen so entspannten Vibe hat. Das Setup dort entspricht perfekt unseren Bedürfnissen; das Gebäude war früher einmal ein Kino und hat eine sehr hohe Decke, was einen fantastischen akustischen Sound ergibt. Wir haben dieses Album auf die gleiche Weise wie “The Book Of Souls” aufgenommen, nämlich so, dass wir einen Song schreiben, üben und direkt gemeinsam aufnehmen, während wir alles noch frisch im Gedächtnis haben. Auf diesem Album gibt es einige sehr komplexe Songs, die uns eine Menge harte Arbeit abverlangt haben, um ihren Sound so hinzubekommen, wie wir ihn wollten, sodass der Prozess bisweilen eine ziemliche Herausforderung war, aber Kevin ist sehr gut darin, die Essenz der Band einzufangen und ich denke, es war die Mühe wert! Ich bin sehr stolz auf das Ergebnis und kann es nicht erwarten, dass die Fans es hören.” *)

Leadsänger Bruce Dickinson führt weiter aus: “Wir sind alle richtig aufgekratzt wegen dieses Albums. Wir haben es Anfang 2019 während einer Pause der Legacy-Tournee aufgenommen, um möglichst viel touren zu können und trotzdem einen langen Vorlauf zum Release zu haben, um ein gutes Artwork und etwas Besonderes als Video vorzubereiten. Natürlich hat die Pandemie die Dinge noch weiter verzögert – so viel zu Plänen im Voraus, oder sollte man eher ‘Strategien’ sagen!? Die Songs sind sehr vielfältig, und einige von ihnen recht lang. Außerdem gibt es ein oder zwei Songs, die von unserem normalen Stil ziemlich abweichen, und ich glaube die Maiden-Fans werden überrascht sein – positiv, wie ich hoffe!” *)

IRON MAIDEN- 2021 Photo copyright by JOHN McMURTRIE

Wie der sehr erfolgreiche Vorgänger wird auch „Senjutsu“ als Doppel-CD /Dreifach-Vinyl-Album veröffentlicht werden, was vor allem den drei überlangen Songs mit über 10 Minuten Spielzeit am Ende der Platte zu verdanken sein dürfte. Ob das unbedingt erforderlich war, bleibt bei den für ein Doppelalbum mageren knapp 82 Minuten Gesamtspielzeit dann jedem selbst überlassen, denn der ein oder andere Song wird an einigen Stellen doch ganz gehörig in die Länge gezogen. Hätte man auf die ein oder andere Wiederholung in den Songs verzichtet, hätte die magische 80-Minutengrenze sicherlich unterschritten werden können und die zehn Songs hätten locker auch auf eine CD bzw. 2 Vinyls gepasst. So aber werden die Tracks auf mehrere Scheiben verteilt und Maiden kann damit wohl einen etwas höheren Verkaufserlös generieren – ein Schelm wer Böses dabei denkt – aber Maiden bzw. deren Management sind schon immer gute Geschäftsleute gewesen, die genau wissen, wie man das Minimax-Prinzip geschickt umsetzt.

Wenn schon eine Doppel-CD veröffentlichen, dann hätte man ruhig noch den ein oder anderen Song mehr draufpacken können – so meine ganz persönliche Meinung –  Platz wäre ja genügend gewesen.

Insgesamt steht Iron Maiden die musikalische Ausrichtung auf „Senjutsu“ wirklich gut zu Gesicht und man kann die Scheibe als würdigen Nachfolger für The Book of Souls“ bezeichnen, der recht melodisch und eingängig ausgefallen ist. Teils auch etwas balladesk angehaucht, bringt er ganz neue Seiten der Jungfrauen zum Vorschein.  

Den Anfang macht der als Midtemposong gehaltene Titelsong, der sogleich die Richtung des Albums vorgibt. Nachdem kräftig in die Saiten gehauen wird, bilden Nicos Drums den Rhythmus des Songs – erinnert etwas an eine Buschtrommel.

Weiter geht’s mit den beiden Singleauskopplungen „Stratego“ und „The Writings on the Wall“, bei denen gleich mal richtig abgerockt wird. Was mich wundert, dass auf dem Album wenig bis gar keine japanische klingenden Sounds zu hören sind, was man bei dem Titel und Cover vielleicht hätte erwarten können.

Besonders gut gefällt mir das fast 10-minütige, balladesk mit Akkustikgitarre beginnende „Lost In A Lost World“ mit seinem gänsehauterzeugenden Backing-Vocals, das nach einem Break dann in einen hochmelodischen Midtemporocker in bester Maiden-Manier übergeht – ein klasse Song, bei dem auch „Alexander the Great“ mal etwas beigesteuert hat.

Bei „Days of Future Past“ wird dann etwas aufs Gaspedal gedrückt, auch wenn die Geschwindigkeit nicht übermäßig gesteigert wird. „The Time Machine“ ist vielleicht der schwächste Song des Albums, wenngleich in der Mitte des Songs nach dem Rhythmuswechsel Eddy regelrecht auf der Melodie davongaloppiert, die etwas an „Fear of the Dark“ erinnert.

Dann wird es ruhiger und beschaulicher, Maiden wie man Sie noch nie gehört hat. „Darkest Hour“ erinnert mich etwas an die superben langsameren Songs aus Bruce`s Solokarriere und überzeugt mit einem klasse Gitarrensolo (was man nicht bei allen Songs behaupten kann)…. für mich ist diese Ballade eines der Highlights des Albums.

Auf Hälfte zwei des Albums folgt zum Abschluss ein Dreierpack jenseits der Zehn-Minutengrenze. Hier tauchen immer wieder Querverweise zu älteren Veröffentlichungen der Eisernen Jungfrauen auf: „Powerslave“ (Death of the celts“), „Somewhere in Time“ (The Parchment) oder „Seventh Son …“ lassen an einigen Stellen deutlich grüßen, was sicherlich nicht die schlechteste Entscheidung ist, denn so kommt immer mal die Erinnerung und das Feeling der damaligen Meisterwerke in den 80er und 90er auf. Es soll jetzt natürlich keine Wehmut aufkommen, denn auch Maiden haben sich ja schließlich weiterentwickelt und über die vergangenen Jahrzehnte ihren Stil verändert, ohne ihre Trademarks zu vernachlässigen. So auch auf dem aktuellen Longplayer.

Fazit:

Mit „Senjutsu“ haben Iron Maiden ein weiteres tolles Album ihrer langen Diskographie hinzugefügt, das zwar Übersongs (bislang) vermissen lässt, sehr abwechslungsreich geraten ist und auch nach dem 10. Durchlauf nicht langweilig wird. Trotz der Überlänge einiger Songs, wird mit jedem Durchlauf die Klasse der Songs immer deutlicher. Zwar taugt das Album weniger zum Headbangen, ist aber für ne entspannte Stunde mit guter Rockmusik sehr zu empfehlen.

Auch wenn Bruces Gesang manchmal etwas nuschelig rüberkommt (Til Schweiger lässt grüßen), zeigt er auch auf „Senjutsu“ wieder mit seinen inzwischen 63 Jahren, dass er nicht nur auf der Bühne zu den besten Frontmännern im Metalbereich gehört, sondern auch im Studio einer der besten Shouter ist, der mit seiner Stimme einen Song nochmals auf ein höheres Level heben kann. Auch Steve Harris kann mit seinem markanten Bass-Spiel wie immer überzeugen. Nicht an allen Stellen des Albums konnte mich jedoch die Gitarrenfraktion um Adrian Smith, Dave Murray und Janick Gers überzeugen, denn an einigen Stellen, speziell bei den Solos,- wirkt mir das Spiel auf den sechs Saiten teils etwas struktur- und ideenlos. Das ging schon mal besser.

Auch wenn „Senjutsu“ in die gleiche Grundrichtung von „TBOS“ geht, unterscheidet es sich doch deutlich und bietet ganz neue Seiten, die man bislang so noch nicht von den Briten kannte. Hochmelodisch, auch mal als Ballade ausgeführt, verstehen es Steve Harris und Co. geschickt, immer wieder Elemente aus ihren Klassikern geschickt in die neuen Songs einzuflechten. Zwar nicht immer unbedingt zum Abrocken geeignet, konnte mich das Album nach einigen Durchläufen mit ihrer Vielseitigkeit richtig begeistern. Insgesamt leben die Songs diesmal hauptsächlich  von den Melodiebögen und der Rythmussektion denn von der Solo-Arbeit der drei Gitarristen.

Alle Maiden-Fans werden sicher schon mit den Hufen scharren und die Tage bis zum dritten September zählen, bis sie endlich das Album in Gänze hören können. Es ist bald soweit und ihr dürft euch schon heute freuen.

Um nochmals die Aussage meines Bekannten vom Anfang aufzugreifen, auch wenn „Senjutsu“ vielleicht zunächst etwas ungewohnt klingt, mit Volksmusik hat das Album rein gar nichts zu tun, alle Fans anspruchsvoller Rock- bzw. Metalmusik dürften begeistert sein, den Maiden werden ein richtig erwachsenes Album veröffentlichen.

Von mir gibt’s vorab schon mal, nach anfänglichem Zögern, nach etlichen Durchläufen  9,5  Bängs für „Senjutsu“ und die Eisernen Jungfrauen.

Bleibt zu hoffen, dass die in diesem Jahr erneut verschobene Iron Maiden-Tour dann im nächsten Jahr endlich stattfinden kann und der ein oder andere Song von „Senjutsu“ auf die Setlist gelangt und Maiden endlich wieder die Arenen der Republik richtig zum Beben bringen wird.

Tracklist:
1. Senjutsu (8:20) – Smith/Harris
2. Stratego (4:59) – Gers/Harris
3. The Writing On The Wall (6:13) – Smith/Dickinson
4. Lost In A Lost World (9:31) – Harris
5. Days Of Future Past (4:03) – Smith/Dickinson
6. The Time Machine (7:09) – Gers/Harris
7. Darkest Hour (7:20) – Smith/Dickinson
8. Death Of The Celts (10:20) – Harris
9. The Parchment (12:39) – Harris
10. Hell On Earth (11:19) – Harris 
 

“Senjutsu” wird in den folgenden Formaten veröffentlicht und kann ab sofort, vorbestellt werden:

  • Standard 2CD-Digipak
  • Deluxe 2CD-Buchformat
  • Deluxe Heavyweight 180g Triple-Vinyl, schwarz
  • Special Edition Triple-Vinyl, silber und schwarz marbled (ausgewählte Händler)
  • Special Edition Triple-Vinyl, rot und schwarz marbled (ausgewählte Händler)
  • Super-Deluxe-Boxset mit CD, Blu-Ray und exklusiven Memorabilia
  • Digitales Album (Streaming und Download)
  • Lenticular Sleeve 2CD Digipak (EMP Exclusive in GSA & Europa)

Iron Maiden sind :
Vocals – Bruce Dickinson

Guitar – Dave Murray

Guitar – Adrian Smith

Guitar – Janick Gers

Bass – Steve Harris

Drums – Nicko McBrain

MEHR INFORMATIONEN GIBT ES AUF
www.ironmaiden.com

INSTAGRAM
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APPLE MUSIC
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DEEZER
https://www.deezer.com/en/artist/931

*) Quelle: Warner/Parlophone via CMM GMBH
cmm-marketing.com

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Thomas

Musikalisch bin ich seit den 80er vor allem im melodischen Hard& Heavy-Dschungel unterwegs und immer auf der Suche nach neuen und alten Perlen. Meine absoluten Faves sind Queenaryche, Y&T, Die Toten Hosen... u.v.a......teilweise geht mein Blick aber auch mal über den Tellerrand in Richtung Speed/Trash/Death...solange Melodien erkennbar sind. Auch wenn ich schon zu der Ü50-Fraktion gehöre, findet man mich bei Konzerten und Festivals fast immer Front of Stage, denn Sitzplatz bei Rockkonzerten, das geht gar nicht. Erst wenn es ohne Rollator mal nicht mehr gehen sollte, ist die Tribüne vielleicht ne Alternative.

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