Interview

Überraschender Charterfolg für Hämatom mit dem Akustik-Album „Berlin“. Schlagzeuger Süd im Interview über Hintergründe und Entstehungsgeschichte

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Karina: Schön, dass Du Dir Zeit für dieses Interview nehmen konntest. Wie ist die Stimmung bei Hämatom?

Süd: Ich glaube, die ganze Branche ist inzwischen so ein bisschen „corona-laber-müde“. Mir stellt sich die Frage, warum unterhält man sich noch drüber? Man kommt ja doch zu keinem Ergebnis.

Karina: Mit eurem Album Berlin seid ihr letzte Woche auf Platz Zwei in den Album Charts gestartet. Seid ihr enttäuscht, dass es nicht für die Eins gereicht hat oder ist das ein Grund zum Feiern?

Süd: Auf jeden Fall ein Grund zum Feiern. Ganz ehrlich, dieses ganze Projekt Berlin war sehr gewagt. Während der Studioaufnahmen habe ich meine Jungs gefragt, ob wir das echt unter dem Namen Hämatom machen wollen, oder ob wir uns vorübergehend einen anderen Namen geben sollten wie einst die Roten Rosen zum Beispiel. Wir haben uns schlussendlich dagegen entschieden, hätten aber ehrlich gesagt nie damit gerechnet, dass das überhaupt in die Top Ten kommt. Der Abstand zur Top-Platzierung war erst gar nicht so groß, aber am Ende dann doch deutlich. Die Nummer 1 ist ein Hip Hopper und die Fans streamen wie Sau.

Karina: Wieviel Einfluss hatte Vincent Sorg auf das Album?

Süd: Einfluss klingt jetzt so nach verbiegen. Ich gehe da immer ein bisschen in eine Schutzhaltung. Vince wird oft vorgeworfen, dass er Dinge glattbügelt, aber das tut er nicht. Ich glaube, wer zu Vince geht, fängt von sich aus an, seine Songs glatt zu bügeln. Bei diesem Projekt waren er und sein Netzwerk tatsächlich nicht ganz unwichtig. Vince ist ein sehr guter Pianist und hat uns ein geiles Input gegeben. Ost und ich hatten Visionen und ich bin ganz schlecht darin, etwas vorzusingen, ich würde es selbst nicht erkennen. Vince wusste aber sofort, was ich meine. Eigentlich hat alles mit meiner Tanz auf dem Vulkan Demo angefangen. Die hatte ich mit einem schlechten Keyboard- und Trompetensound einprogrammiert. Vince hat nach der ersten Strophe gestoppt und meinte: Coole Sache, können wir machen, aber wir brauchen echte Bläser. Und dann hat er wieder Play gedrückt. Nach dem Refrain hat er wieder Stopp gedrückt: Auch cool, mir gefällt das, ich verstehe, wo ihr hinwollt, aber wir brauchen echte Streicher. Irgendwann kam er drauf, dass hier und dort auch ein Akkordeon passen würde. Und dann kam sein Netzwerk ins Spiel. Er hat ein Streicher-Ensemble, ein paar supergeile Bläser, einen super Akkordeonspieler und einen guten Pianisten an der Hand. Für die Bläser kannte er einen guten Arrangeur aus Köln. Das kann Vince nämlich auch nicht selbst. Der Arrangeur war sehr wichtig für das Projekt. So sagte er zum Beispiel Süd, das ist eine schöne Melodie, die Du da hast, aber das Saxophon kann gar nicht so tief spielen. Und der Trompeter macht ja tolle Sachen, aber der muss auch irgendwie mal Luft holen.

Karina: Jetzt habt ihr mit dem Album Berlin auch polarisiert. Dem einen oder anderen hat es nicht gefallen und manche Fans wollen lieber darauf warten, dass wieder ein „richtiges“ Hämatom Album kommt. Wie lange werden sie darauf warten müssen?

Süd: Das hängt ehrlich gesagt ein bisschen von Corona ab. Eigentlich wollten wir ein neues Album erst machen, wenn wir wieder auf Tour gehen können. Wir haben letztes Jahr gesehen, wie tolle Bands tolle Alben veröffentlichen, z. B. In Extremo, Saltatio Mortis und Feuerschwanz. Ich habe den Eindruck, das verpufft total. Die Alben sind eine Woche präsent und dann ist es irgendwie vorbei. Unsere Musik wird schon gut gestreamt, aber es ist nicht so wie wenn du auf Tour bist. Gerade für Bands wie Hämatom, In Extremo, Saltatio Mortis, Fiddlers Green und Feuerschwanz ist der Livebereich total wichtig. Wenn wir jetzt ein hartes Album rausballern, was macht man dann damit? Dann machst Du Strandkorbkonzerte ohne Circle Pit und Stage Diving – das ist doch irgendwie Scheiße.
Ein Akustikalbum wollten wir schon immer mal machen. Also haben wir gesagt: Na gut, dann ist das jetzt eben der beste Zeitpunkt. Das aus dem Akustikalbum dann dieses abgedrehte 20er Jahre Konzept wurde war nicht vorhersehbar. 

Karina: Habt ihr denn noch große Hoffnungen, dass der Maskenball in Gelsenkirchen wie geplant stattfinden kann?

Süd: Wir haben Hoffnung. Es ist im Freien, es ist ein großes Gelände. Es ist total spannend, wie es sich jetzt weiterentwickelt. Leider ist Deutschland sehr langsam, in Spanien gibt es zum Beispiel schon Konzertmodelle, wo die Besucher alle vorher getestet werden, und in dieser Beziehung findet in Deutschland noch sehr wenig statt.

Karina: Wie steht ihr zu den alternativen Auftrittsmöglichkeiten? Ich habe euch zum Beispiel beim Autokonzert in Düsseldorf vergangenes Jahr gesehen. Es hat mir sehr gut gefallen, aber es war natürlich nicht wie ein normales Konzert. Aber besser als nichts. Zu verdienen gibt es dabei für Euch wahrscheinlich nichts?

Süd: Nein, verdienen tun wir damit leider gar nichts. Es ist gleich alles viel, viel teurer, weil du ja diese ganzen Hygienemaßnahmen hast. Autokino wollen wir nicht nochmal machen. Es gibt ja verschiedene Modelle. Zwei Strandkorbkonzerte haben wir schon announced in diesem Sommer. Da freuen wir uns drauf und hoffen, dass das ein bisschen cooler ist als Autokonzert, weil du eben keinen Eisenkasten um dich rum hast. Autokino war für Band und Zuschauer mal eine Challenge, eine Erfahrung, aber das würden wir jetzt nicht wiederholen wollen. 

Karina: Ihr habt ja auch einige geile Online-Konzerte gemacht.

Süd: Wir haben jetzt 4 Online Shows gemacht seit dem ersten Lockdown. Vielleicht kann man sich das gar so nicht vorstellen, was das für ein Riesenaufwand ist, so ein Ding auf die Bein zu stellen. Während du die Show spielst und produzierst, spürst du leider reichlich wenig dabei, weil du nur gähnende Kameraleute vor dir hast. Wenn man es sich dann allerdings hinterher anschaut, dann denkt man: Ach, eigentlich ist es ja doch irgendwie ganz cool.

Karina: Ich habe mir viele Online-Shows von verschiedenen Bands angeschaut und fand einige davon echt gewöhnungsbedürftig. Eure Shows habe ich auch alle gesehen. Wie schafft ihr es, diese Stimmung so zu transportieren und die Distanz zu überwinden?

Süd: Da muss ich wirklich den Nord mal loben. Bei dem legt sich so ein Schalter um und dann schreit der einfach auch Kameras an. Wo ich mir immer denke, da ist doch gar kein Publikum. Wir haben ja auch diese Wacken World Wide Show gespielt – hm, stimmt, dann ist das ja eigentlich schon unsere fünfte Online-Show gewesen – und da meinten auch sauviele Leute von diesem Filmteam beim Wacken, dass das von der Animation echt am besten war. Viele Musiker sind da vielleicht ein bisschen verunsichert, weil von den Kameraleuten kein Feedback kommt. Und Nord scheißt da irgendwie drauf. Der schreit sie dann einfach an und zieht sein Ding irgendwie durch. Ich finde auch, dass er das irgendwie ganz gut macht. Für uns sind diese Konzerte eine gute Alternative, besser als nichts, aber sie kommen halt nicht an Live dran. Man soll ja niemals nie sagen, aber Autokino würde ich so als einmalige Sache ablegen, aber eine Online-Show wär nochmal drin, wenn man irgendwann wieder eine neue zündende Idee und die notwendige Energie hat. Das Spielen selbst benötigt keine Energie, aber diese ganze Vorbereitung. Das ist unglaublich, was da dranhängt. Und vor allem wir haben uns ja jedes Mal neu erfunden. Die erste war ein Schnellschuss: Aufbau, Einstellen, Kameras und Sound einstellen und dann das Ding am Abend reinballern. Zombieland war schon aufwendig, Dämonentanz und Das laute Abendmahl auch. Bei dem Letzten jetzt hatten wir eine komplett neue Besetzung – wir machen uns da, glaube ich, das Leben selbst schwer. Aber wir denken auch, du brauchst irgendwie was Neues und du brauchst Entertainment. 

Karina:  Ihr wart auch, glaube ich, mit die Ersten, die Online-Konzerten gemacht haben? 

Süd: Ich würde sagen, wir waren die Allerersten (lacht). International waren für mich Dropkick Murphys die Ersten. Wir waren damals ja auch mitten in der Tour, muss man dabei sagen. Das nächste Bühnenwochenende stand an und dann hieß es: Ne. Also wirklich zwei Tage, bevor wir losgefahren sind. 


Karina: Ich habe Euch in Geiselwind noch gesehen.

Süd: Ja genau, Geiselwind war da der Opener der Tour, dann gab es noch ein Wochenende Osnabrück, glaube ich, und Hamburg. Eine – ich würde echt sagen – gigantische Show. Das war DIE Tour unserer Karriere bisher, das war echt saugut. Und dann saßen wir alle depressiv zu Hause, auch
Ost. Der war der Erste, der depressiv wurde, aber auch der Erste, der dann wieder aufgewacht ist und gesagt hat, komm, lass uns eine Online-Show machen.
Die Aufzeichnung war ja eher nüchtern, aber was wir danach für T-Shirts verkauft haben, auch auf der ganzen Welt! Dieses Feedback zu bekommen, das hat sich echt saugeil angefühlt. Das war echt ein Highlight in unserer Karriere. Irgendwie war da jeder auch noch zuversichtlich, dass in zwei Monaten alles wieder normal weitergeht.

Karina: In dieser ganzen Zeit hattet ihr durch das Freak-Team (Anm. d. Red. Hämatom-Fanclub) und eure große Fanbase einen starken Rückhalt.

Süd: Das wissen wir auch wirklich sehr zu schätzen. Das ist gigantisch. Das Freak-Team ist echt geil. Es ist toll, was die auf die Beine gestellt haben.

Karina: Die haben ja, glaube ich, auch zwei Mal für eure Crew gespendet?

Süd: Ja, die haben für unsere Crew eine gigantische, gigantische Summe gesammelt. Klar kann da niemand von leben, aber ich denke, gerade am Anfang, wo die Crew sich neu orientiert, ist das auch nochmal ein cooler Beitrag. Die stellen echt was auf die Beine!

Karina: Voller Hoffnung, dass wir bald wieder zusammen Live Auftritte feiern können, kommt hier meine letzte Frage: Was darf auf dem Catering Rider von Hämaton nicht fehlen?

Süd: Vor der Pandemie war es der Havanna. Havanna war das Getränk der letzten Jahre. Und ich trinke davon keinen Tropfen…

Karina: Im Beichtstuhl (Anm. d. Redaktion: Freakiger Podcast von und mit Süd und Ost) erwähntest du, dass du Ost öfter mal nach Hause gefahren hättest.

Süd: Ich trinke wirklich wenig seit unserem zweiten Studioaufenthalt. Es gab zwei Studioaufenthalte zu dem Album Berlin. In der ersten Woche haben wir durchgesoffen. Die Schlagzeugaufnahmen waren meistens vormittags. Ich war da nicht mehr betrunken, aber ich hatte immer Restalkohol. Die zweite Woche haben wir dann genauso angehen lassen und da habe ich schon gemerkt, ich pack das nicht mehr. Und seitdem trinke ich weniger, hatte aber schon wieder zwei kleine „Räusche“. Einmal bei der Chart-Party und das andere mal beim Parabelritter. 

Karina: Hast Du noch etwas, was Du unseren Lesern mit auf den Weg geben möchtest?

Süd: Gebt Berlin eine Chance, auch wenn ihr normalerweise nur auf E-Gitarren steht! Bleibt gesund, lustig und hoffnungsvoll, dass es bald wieder Konzerte gibt. Es muss ja irgendwie Wege geben – auch, wenn es etwas länger dauert, bis wir alle wieder eng zusammenstehen. Aber wenn man mit Tests arbeitet oder jetzt im Sommer wieder solche Konzerte macht mit Strandkörben oder ähnlichen Sachen, sollte eigentlich schon ein Konzertsommer möglich sein. 

Karina: Ja, mit den Strandkorb-Konzerten bin ich im letzten Jahr auch gut durch den Sommer gekommen, das Konzept hat mich total überzeugt. Der Abstand ist natürlich trotzdem da, aber Du hast nicht die Autos um dich herum, wo dann die Scheibenwischer von rechts nach links winken. Süd, ich bedanke mich bei Dir recht herzlich, toll, dass du für uns so viel aus dem Produktionsnähkästchen eures neuen Albums Berlin geplaudert hast!

Süd: Hat mich gefreut, bis dann und schönen Abend noch!  

TOURDATES

29.07.21

AUGSBURG – STRANDKORB OPEN AIR

TÄNZE AUF DEM VULKAN – Open AIr

Support: TBA

TICKET

30.07.21

WACKEN – W:O:A

mit Judas Priest, Dropkick Murphys, As I Lay Dying u.v.m.

SOLD OUT

31.07.21

NÜRNBERG – STRANDKORB OPEN AIR (KOPIE)

TÄNZE AUF DEM VULKAN – Open AIr

Support: TBA

TICKET

14.08.21

GELSENKIRCHEN – AMPHITHEATER

MASKENBALL – Der Wahnsinn geht weiter!

mit Kärbholz, Knorkator uvm.

TICKETS HÄMATOM SHOP

TICKET EVENTIM

TICKET METALTIX

www.masken-ball.de

15.04.22

BREMEN – DAS LAUTE ABENDMAHL

DAS LAUTE ABENDMAHL im Aladin (Bremen)

mit tba

TICKETS

www.daslauteabendmahl.de

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Karina

Karina

Karina ist für uns an Rhein und Ruhr unterwegs. Sie hört neben Metal auch Irish Folk Punk, Deutsch- und Mittelalterrock. Für gute Musik ist ihr kein Weg zu weit.

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