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EPICA – „Omega-Alive“ – Heißer Kandidat für den „Livestream of the Year 2021“

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Eigentlich hätte ich beim diesjährigen Bang Your Head Festival in Balingen meine EPICA Live-Premiere gefeiert. Da das Festival ja dieses Jahr leider wieder nicht stattfinden kann, blieb mir als kleine Entschädigung nur die digitale Ersatzveranstaltung im Netz. So folgte am 12. Juni der nächste Livestream in der Kategorie Fronted-Women-Metal, den ich mir unbedingt anschauen wollte. Nach einem soundtechnisch und optisch durchwachsenen Thundermother –Auftritt in Berlin, dem musikalisch recht dürftigen Burning Witches-Release-Stream und dem überragenden Nightwish-Stream stellte ich mir natürlich unweigerlich die Frage, ob die niederländische Symphonic-Metal Band EPICA an den technisch auf allerhöchstem Niveau in einer Virtual Reality-Welt produzierten Auftritt der Finnen heranreichen können oder diesen gar nochmals toppen können?

Als eingefleischter Metalfan mit großer Vorliebe für weiblichen Frontgesang, hatte ich seltsamerweise in der Vergangenheit so meine Problemchen, mich für  EPICA-Sängerin Simone Simons und ihre Songs zu begeistern. Immer wieder startete ich mal einen neuen Anlauf, mit den EPICA-Songs warm zu werden. Leider scheiterte der Versuch mehrfach und  immer wieder musste ich feststellen, dass mir die Stimmlage von Simone irgendwie zu hoch war und ich nach einigen Songs meinen Selbsttest wieder aufgeben musste.

Gott sei Dank bin ich manchmal hartnäckig und als ich das erste Mal die Auskopplung  „Rivers“ vom „OMEGA“-Album hörte, trat erstmals richtige Begeisterung in Hinblick auf EPICA bei mir auf. Also musste ich natürlich mal das ganze Album durchhören und nach einigen Durchläufen sprang dann endlich der Funke bei mir über, zumindest was die neuen Songs betrifft.

Als die aufwendigste Produktion in der Karriere von EPICA wurde „Omega Alive“ zuvor groß angekündigt, was natürlich noch nicht unbedingt viel heißen muss. So war ich als EPICA-Rockie mehr als gespannt, was beim Stream  geboten wird und ob mich die neuen Songs auch live begeistern können.

Um es kurz vorweg zu nehmen:  ‚OMEGA ALIVE‘ – A Universal Streaming Event  hat sich mehr als gelohnt: die Show war einfach phenomenal, nicht nur musikalisch sondern auch optisch wurde alles geboten, was man sich von einem solchen Streaming-Event wünschen konnte. Auch Soundtechnisch war alles perfekt abgemischt, jedes Detail und Instrument klar und eindeutig zu hören.

Der ganze Auftritt war in 5 Akte unterteilt, entsprechend für jeden Buchstaben des Albumtitels – Overtura – Magnituda – Eklysia – Gravita –  Alpha & Omega.  Jeder der fünf Akte wurde dann mit einem eigenen Bühnenaufbau und verändertem Outfit versehen, sodass sich diese so thematisch wie optisch voneinander unterschieden. Dadurch kam zu keiner Sekunde des knapp 100 Minuten langen Auftritts Langeweile oder Eintönigkeit  auf.

 Los ging`s wie auf der neuen Platte mit dem Intro „Alpha – Anteludium“, das mit seinem orchesterbasierten Kinosound wie aus einem Blockbuster entsprungen klingt. Der perfekte Einstieg, der sofort für Vorfreude sorgte und die Spannung und Vorfreude extrem ansteigen lies. Untermalt wurde das Ganze durch die Einspielung einer Videosequenz von einem kleinen Mädchen, welches in einem Bett liegt und von riesigen Wurzeln gefangen zu sein scheint. Zwischen den einzelnen Akten taucht dieses dann immer wieder in den Zwischensequenzen auf. Dann kamen nach und nach die Musiker auf die Bühne und es folgte das Livedebut von „Abyss of Time“ von Omega.  Gitarrist Mark Jansen legte mit seinen starken Growls ein brachiales Fundament für den Song, während Sängerin Simone Simons mit ihrer hohen Stimme dazu den passenden Kontrast bildete.

Ein erstklassiger Song, der mit seinen orchestralen Klängen alle Register des Symphonic- Metal abdeckt und sicher zu den stärksten Stücken des neuen Albums gehört. Auf einer riesigen Bühne mit großen Aufbauten  und rechts und links einer feuerspuckenden Kobra aus Metal wurde hier gleich zu Beginn nicht gekleckert, sondern in die Vollen gegangen. Im Zwischenteil sorgten dann erneut die bombastischen Kinosounds für Gänsehaut. Im Hintergrund auf einer zweiten Bühnenebene untermalten Balletttänzerinnen das Ganze optisch. Zunächst etwas ungewöhnlich für ein Metalkonzert, passte aber trotzdem sehr gut zur Musik und Bühnenshow der Band. Mit „The Skelton Key“ kam dann gleich der nächste Hammersong hinterher,  einer meiner absoluten Favoriten. Mal an Savatage erinnernd, dann diese mächtig fetten Gitarren, die voll in die Magengrube hauen, klasse Bass, einfach göttlich. Auch hier sorgten die beiden konträren Stimmlagen für den gewissen Spannungsbogen in dem Song.  Diesmal wurde im Hintergrund auf einem Röhnrad geturnt, bevor zum Höhepunkt des Songs ein Kinderchor auf der 2. Bühnenetage erschien und schlagartig zusammen mit Simones hohem Gesang für Gänsehautstimmung bei mir sorgte.

Nach Isaac Delahaye`s überragendem Gitarrensolo wurden zum Abschluss dann nochmal ein paar brutale Growls eingestreut – perfekt. Live wirkte der Song dank Chor nochmals um einiges besser als schon auf Platte. Schade nur, dass Epica vermutlich live auf den Chor wohl verzichten werden müssen.

Dann folgte mit „Unchain Utopia“  der erste ältere Song vom 2014er „The Quantum Enigma“-Album.  Mit jeder Menge Pyros und Feuerschluckern im Hintergrund optisch perfekt in Szene gesetzt, überzeugte der Song mit all seiner Vielschichtigkeit.

Für den Übergang zum „Akt II – Magnituda“ mimmte Simone dann mal kurz das Schneewitchen und bot dem Mädchen den  roten Apfel an.

Es folgten nun Klassiker aus der früheren EPICA-Ära. Den Anfang macht The Obsessive Devotionvom 2007er „The Divine Conspiracy“-Album. Nicht ganz so eingängig wie die bisherigen Songs, kam hier noch mehr die Rauheit der Anfangstage zum Vorschein. Teils progressiv angehaucht  konnte aber auch er überzeugen. Bei  „In All Consciencewandelte Simone dann auf Tarjas Spuren und erklomm mit Ihrer Stimme ungeahnte Höhen, wie man sie sonst nur von Tarja zu „Colors in the Dark“– Zeiten kennt. Das Bühnenbild war diesmal etwas dunkler gehalten, immer mit ordentlich Pyros unterlegt. Keyboarder Coen Janssen tobte sich hier richtig aus und wechselte hier zwischen seinem umgehängten gebogenen Keyboard und seinem auf der Bühne um das Drumkit fahrende Keys, mit dem er immer wieder die Seite wechselte und sich im 360° Dauerfeuer drehte. In Victims of Contingency fing es dann plötzlich an zu regnen und tatsächlich standen die Musiker am Ende des Songs klitschnass auf der Bühne, geiler Effekt der auch für tolle Bilder sorgte.

Im „Akt III – Elysia“ stand dann unser Mädchen plötzlich vor dem Thron von Königin Simone, bevor dann beim wegen seiner Länge selten live gespielten Kingdom of Heavenwieder verstärkt der guturale Gesang von Mark im Mittelpunkt des Geschehens stand. Auch zu diesem Abschnitt gab es wieder ein neues Bühnenbild in Form von rechts und links plazierten Bannern, die an einen Thronsaal erinnerten, in dessen Mittelpunkt das Schlagzeug von Ariën van Weesenbeek thronte.

Mit seinem stark progressiven Touch und seiner Überlänge war der  Song nicht ganz so mein Favorit, und bedarf daher für mich als Rookie wohl mehrerer Druchläufe um zu zünden. Toll waren im Mittelteil die akkustischen Parts auf der Gitarre. „Kindom of Heaven – Part 3“ vom neuen Album bildete dann die logische  Fortsetzung des bombastischen Sounds, der teils in bester Winnetou- oder Robin Hood-Manier mit Geigen und Orchester präsentiert wurde. An der Decke turnten an einem riesigen Kronleuchter dazu Artisten. Als optisches Highlight des Songs spielte dann 54:00 Coen auf einem in Flammen stehenden Klavier, cooles Gimmick –  hoffentlich hat er sich die Finger nicht verbrannt. Zum Ende hin wurde es etwas thrashig und es ging überaus deftig zur Sache. Auch die städtischen Stadtwerke dürften sich gefreut haben, war der Gasverbrach für die ganzen Feuereffekte wohl nicht zu vernachlässigen.

Nach dem längsten Song des Gigs wurde es dann beim „Akt IV –  Gravita“ etwas ruhiger und Balladenzeit war angesagt. Mit „Rivers“ folgt eine gigantische Akkustick-Version mit einem großen gemischten Chor, der unweigerlich für sich aufstellende Haare an Armen und Beinen bei mir sorgte und für mich der beste Song des Tages war. Der an einen Mönchschor erinnernde Sound der rund 20 Sänger und Sängerinnen bildete eine wunderbare Soundkulisse für Simones hellen Gesang. Nach einem Soloduell zwischen Coen am Klavier und Isaac`s Gitarre ging es fließend in Once Upon a Nightmare und damit Ballade Nr. 2 vom vorletzten EPICA-Album The Holographic Principle“ über. Durch seine getragene Stimmung konnte mich der Song sofort überzeugen.

Den Schlussakt  eröffnete dann „Freedom – The Wolves Withinvom Omega-Album. Wie auch schon The Skeleton Key blieb der Song schnell im Ohr hängen und konnte durch seinen eingängigen Refrain voll überzeugen. Optisch untermalt wurde der Song diesmal durch eine Gruppe Backgroundtänzerinnen, die allerdings von den gebotenen Bewegungen dann doch etwas kitschig und unpassend rüberkamen.

Vor dem großen Finale folgten noch der Alltime-Klassiker  „Cry for the Moonvom Debütalbum The Phantom Agony von 2003, bei dem Simone sich persönlich bei all ihren Fans für die Unterstützung in den letzten 20 Jahren bedankte und der Kracher „Beyond the Matrix“.

Den endgültigen Schlusspunkt bei diesem grandiosen Auftritt setzte dann das Live-Debut vom  Titelsong Omega – Sovereign of the Sun Spheres mit seinen an der Decke turnenden Hochseilartisten an den Ringen.

Fazit:

Neben Nightwish und Within Temptation zählen EPICA wohl zu Recht zu der Speerspitze im Symphonic-Metal-Bereich. Obwohl ich jetzt bislang nicht der Hardcorefan der Niederländer war und auch noch kein Album von ihnen in meiner CD-Sammlung habe, konnte mich der Auftritt vollauf begeistern. Es wurde im Vorfeld in der Werbung für den Stream nicht zu viel versprochen: Eine aufwendige Bühneshow, unzählige Pyro-Effekte, dazu 2 Chöre und zahlreiche Varieté-Künstler, fürs Auge wurde wahnsinnig viel geboten und es wäre mehr als Schade, wenn dieser Auftritt nicht bald als DVD/Bluray veröffentlicht werden würde. Für mich waren die neuen Songs von „Omega“ ganz klar die Highlights der Show, kann man bei ihnen  nochmals einen unglaublichen Entwicklungsschub in den Songs im Vergleich zu den älteren Werken feststellen. Abwechslungsreich war das Zusammenspiel von Marks Growls, der Sopranstimme von Simone und die Kombination von orchesterbasiertem Symphonic-Metal, dazu dann die Choreinlagen, das war ganz großes Kino.

Insgesamt haben mich die Niederländer völlig überzeugt und  mir persönlich hat der Auftritt von EPICA sogar nochmals besser gefallen als der kürzlich stattgefundene, ebenfalls sehr gute Auftritt einer meiner Lieblingsbands Nightwish (das Review zum Stream könnte ihr unter https://bit.ly/35G5isW nachlesen)  – somit ein ganz besonderes Kompliment an die Niederländer von mir.

Optisch war hier einfach mehr Livefeeling zu spüren und durch die wechselnden Bühnenoutfits, den professionellen und gut gelungenen Bildschnitt sowie die Choreinlagen, die Pyroshow und die beiden feuerspeienden Kobras war ständig Action geboten. Selbst als EPICA-Roockie war „Omega Alive“ mit perfektem Sound und überragender Bühnenshow für mich der beste Livestream, den ich bislang gesehen habe. Jeder einzelne Song hätte ohne Abstriche das Potential, als Videosingleauskopplung veröffentlicht zu werden.

Bleibt zu hoffen, dass EPICA nach der diesjährigen Absage auch beim BYH 2022 am Start sein werden. Eine solch großartige Show verdient eine große Bühne und wäre bei Dunkelheit definitiv Headliner-fähig. Simone und ihre Männer könnten sicherlich auch viele neue Metalheads begeistern, die möglicherweise wie ich mit EPICA musikalisch bislang ihre „Probleme“ hatten.

Übrigens habe ich meine Lücke in der CD-Sammlung natürlich sofort mit „Omega“ als Earbook schließen müssen, finden sich darauf neben der Albumversion auch eine  Instrumentalversion und eine Orchesterversion des Albums, auf die ich schon sehr gespannt bin.

Das Album könnt ihr euch übrigens als CD, CD-Digipack (2CDs), Earbook (4 CDs) sowie LP in verschiedenen farbigen Ausführungen u.a. hier holen.

https://www.nuclearblast.de/de/label/music/band/diskographie/details/6937845.71061.epica-omega.html

Setlist ‚OMEGA ALIVE‘ – A Universal Streaming Event

Act I: Overtura

  1. Alpha – Anteludium (Intro)
  2. Abyss of Time – Countdown to Singularity (Live debut)
  3. The Skeleton Key (Live debut)
  4. Unchain Utopia

Act II: Magnituda

  1. The Obsessive Devotion
  2. In All Conscience
  3. Victims of Contingency

Act III: Elysia

  1. Kingdom of Heaven
  2. Kingdom of Heaven Pt. III – The Antediluvian Universe (Live debut)

Act IV: Gravita

  1. Rivers (Live debut; A Capella)
  2. Once Upon a Nightmare

Act V: Alpha & Omega

  1. Freedom – The Wolves Within (Live debut)
  2. Cry for the Moon
  3. Beyond the Matrix
  4. Omega – Sovereign of the Sun Spheres (Live debut)

EPICA sind:

© EPICA
  • Simone Simons                      (Vocals)
  • Isaac Delahaye                       (Guitars)
  • Mark Jansen                           (Guitars, grunts & screams)
  • Coen Janssen                         (Synths and piano)
  • Ariën van Weesenbeek        (Drums)
  • Rob van der Loo                    (Bass)

Online:

Fotocredits: All Pics by Epica

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Thomas

Musikalisch bin ich seit den 80er vor allem im melodischen Hard& Heavy-Dschungel unterwegs und immer auf der Suche nach neuen und alten Perlen. Meine absoluten Faves sind Queenaryche, Y&T, Die Toten Hosen... u.v.a......teilweise geht mein Blick aber auch mal über den Tellerrand in Richtung Speed/Trash/Death...solange Melodien erkennbar sind. Auch wenn ich schon zu der Ü50-Fraktion gehöre, findet man mich bei Konzerten und Festivals fast immer Front of Stage, denn Sitzplatz bei Rockkonzerten, das geht gar nicht. Erst wenn es ohne Rollator mal nicht mehr gehen sollte, ist die Tribüne vielleicht ne Alternative.

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