Perfekte Open-Air-Bedingungen beim Emsland Open Air
Sonnenschein, rund 30 Grad und eine angenehme Brise: Die Bedingungen für diesen Open-Air-Abend hätten kaum besser sein können. In der Hänsch-Arena ist früh spürbar, dass hier nicht einfach nur ein Konzert ansteht, sondern ein Abend für Menschen, die mit dieser Musik groß geworden sind — und für alle, die erleben wollen, warum diese Bands bis heute ihren festen Platz in der Rockgeschichte haben.
Manfred Mann’s Earth Band startet als Special Guest
Wegen des Fußballspiels ist der Konzertbeginn vorgezogen worden. Pünktlich um 18.30 Uhr startet Manfred Mann’s Earth Band als Special Guest. Doch MMEB sind an diesem Abend weit mehr als nur ein Aufwärmprogramm. Die Band bekommt gut eine Stunde Spielzeit und nutzt sie für ein kompaktes, routiniertes und stimmungsvolles Klassiker-Set.
Schon mit „Don’t Kill It Carol“ ist klar, wohin die Reise geht: melodiöser Rock, getragen von Erfahrung, Gelassenheit und diesem typischen Sound, der Manfred Mann’s Earth Band seit Jahrzehnten auszeichnet. Auch „Martha’s Madman“ fügt sich stark in den frühen Abend ein — ein Song, der live von Atmosphäre und Dynamik lebt und dem Publikum genug Raum gibt, langsam in diesen Konzertabend hineinzuwachsen.
„For You“ und „Blinded by the Light“ als Springsteen-Momente
Ein besonderer Moment folgt mit „For You“. Die Nummer stammt ursprünglich von Bruce Springsteens Debütalbum von 1973 und wurde durch die Version von Manfred Mann’s Earth Band Ende der 1970er Jahre zu einem ganz eigenen Stück Bandgeschichte. Keyboardlastiger, weiter, fast schwebender als das Original, gehört diese Interpretation bis heute zu den beliebtesten Springsteen-Covern der Rockgeschichte. Genau dieser Charakter kommt auch unter freiem Himmel gut zur Geltung: vertraut, aber nie bloß nachgespielt.
Mit „Blinded by the Light“ greift MMEB erneut auf einen Springsteen-Song zurück — und zugleich auf einen der größten Erfolge der eigenen Karriere. Die Version von Manfred Mann’s Earth Band erschien 1976 und zählt bis heute zu den bekanntesten Songs der Band. Live ist das einer dieser Titel, bei denen sofort Bewegung ins Publikum kommt. Viele erkennen die Nummer nach wenigen Momenten, einige singen mit, andere genießen sichtbar diesen Rückgriff auf eine Zeit, in der solche Songs ganze Radiojahre geprägt haben.
„The Mighty Quinn“ und ein starker Abschluss von MMEB
Auch „The Mighty Quinn“ darf nicht fehlen. Der Song aus der Feder von Bob Dylan, schon in der früheren Manfred-Mann-Phase ein großer Erfolg, bringt noch einmal zusätzliche Leichtigkeit in das Set. Gerade bei einem Open-Air-Konzert funktioniert diese Nummer hervorragend: eingängig, beschwingt und mit genug Wiedererkennungswert, um das Publikum noch einmal enger an die Bühne zu holen.
Um Punkt 19.31 Uhr ist der Auftritt von Manfred Mann’s Earth Band beendet. Eine Stunde hat die Band gespielt — nicht als bloßes Vorprogramm, sondern als eigenständiger, würdiger erster Teil des Abends. MMEB bereiten den Boden für Deep Purple, ohne sich kleinzumachen. Es ist ein Auftakt mit eigener Geschichte, eigenen Klassikern und einer spürbaren Verbindung zu einem Publikum, das diese Songs nicht nur kennt, sondern mit ihnen Erinnerungen verbindet.
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Deep Purple übernehmen pünktlich mit „Highway Star“
Nach der Umbaupause wird die Spannung noch einmal größer. Punkt 20.00 Uhr beginnt der Hauptteil des Abends. Deep Purple starten mit einem epischen Intro, dann bricht „Highway Star“ los. Die Leinwände sind zugeschaltet und zeigen die Musiker in Großaufnahme. Das größtenteils ältere Publikum, viele davon sind mit der Band groß geworden, ist sofort da. Dieser Klassiker braucht keine lange Anlaufzeit — er zündet vom ersten Moment an.
Ian Gillan, Simon McBride, Roger Glover, Don Airey und Ian Paice auf der Bühne
Auf der Bühne stehen Ian Gillan am Mikro, Simon McBride an der Gitarre, Roger Glover am Bass, Don Airey an den Keyboards und Ian Paice am Schlagzeug. Ian Paice ist in Bestlaune. So energiegeladen, präzise und spielfreudig erinnert er an jenen Auftritt, bei dem man ihn damals mit seinem Soloprojekt in der Fabrik Coesfeld erleben konnte. Auch an diesem Abend treibt er die Band mit ungebrochener Kraft nach vorn.
Neue Songs und frühe Hardrock-Klassiker von Deep Purple
Nach „Highway Star“ folgt mit „A Bit on the Side“ ein neuerer Song vom 2024er Album „=1“. Deep Purple machen damit früh deutlich, dass sie sich nicht allein auf ihre Vergangenheit verlassen. Das neue Material steht selbstbewusst neben den Klassikern und bekommt live mehr Druck, mehr Schärfe und mehr unmittelbare Wirkung.
Dann geht es tief zurück in die frühe Hardrock-Phase. „Hard Lovin’ Man“ und „Into the Fire“, wurde das überhaupt schon mal live gespielt, stammen beide vom Album „Deep Purple in Rock“ aus dem Jahr 1970. Roh, wuchtig und kompromisslos erinnern diese Stücke daran, wie sehr Deep Purple den Hardrock mitgeprägt haben. Das Publikum nimmt diese Rückgriffe dankbar auf. Hier wird nicht nur nostalgisch zurückgeblickt — hier wird deutlich, wie lebendig diese Songs noch immer sind.
Simon McBride überzeugt als „neuer“ Gitarrist
Ein Höhepunkt des Abends ist das virtuose Gitarrenspiel des „neuen“ Simon McBride. Der 47-jährige Bursche stieß 2022 dazu und ersetze Steve Morse, der wegen der schweren Krankheit seiner Frau aus dem Tourleben ausstieg. Der neue Gitarrist ist schlicht beeindruckend: druckvoll, spielfreudig, groovig, einfach heavy. In seinem Solo zeigt er sich als echter Saitenhexer und gibt sich viel rockiger als der eher jazzlastigere Steve. So erinnert sein Spiel wieder wesentlich mehr an Ritchie Blackmore. McBride hat aber ganz klar seinen eigenen Stil und versteht es sehr genau, welche Tradition er bei Deep Purple weiterträgt. Liest man seine Vita, so verwundert es kaum, dass Deep Purple den Iren und Dozenten am BIMM Institut in Dublin in ihre Combo aufgenommen haben.
„Arrogant Boy“ verweist auf das kommende Album „SPLAT!“
Aus dem Solo geht es nahtlos über in „Arrogant Boy“. Der Übergang wirkt wie aus einem Guss: erst der große Gitarrenmoment, dann der direkte Sprung in einen neuen Song. „Arrogant Boy“ verweist auf das kommende Album „SPLAT!“, das als 24. Studioalbum der Band angekündigt ist und am 3. Juli 2026 über earMUSIC erscheinen wird. Auch hier zeigt sich: Deep Purple wollen nicht nur verwalten, sondern weiterhin neues Material auf die Bühne bringen.
„Lazy Sod“ und „Lazy“ mit Don Airey und Ian Gillan
Mit „Lazy Sod“ holen Deep Purple erneut die Gegenwart ins Set. Der Song wirkt live griffiger und direkter als auf dem Papier zu erwarten wäre. Ein dramatisches Keyboard-Solo von Don Airey baut anschließend die Spannung auf und leitet zu „Lazy“ über. Dieser Moment gehört zu den großen klassischen Deep-Purple-Augenblicken des Abends: Hammond-Sound, Blues-Gefühl, Virtuosität und Spielfreude verbinden sich zu einer einzigen Welle.
Ian Gillan setzt bei „Lazy“ zur Mundharmonika an. Auch in Meppen gibt er dem Stück damit diesen lässigen, bluesigen Zug, der so gut zum Fundament der Band passt. Don Aireys Keyboards, Simon McBrides Gitarre und Gillans Mundharmonika greifen ineinander, während Ian Paice und Roger Glover das Ganze sicher erden. Hier zeigt sich einmal mehr, wie viel Blues im Hardrock von Deep Purple steckt.
Ruhiger Moment mit „When a Blind Man Cries“
Die Ansagen zwischen den Songs bleiben kurz. Deep Purple brauchen keine langen Erklärungen. Dann wird es ruhiger und emotionaler: „When a Blind Man Cries“ bringt eine andere Farbe in den Abend. Die Ballade lebt von Melancholie, Gefühl und Zurückhaltung. Nach den wuchtigen Rocknummern wirkt dieser Moment besonders stark, weil die Band zeigt, dass sie nicht nur laut und virtuos, sondern auch verletzlich und atmosphärisch sein kann.
„Diablo“ als moderner Deep-Purple-Rocker
Mit „Diablo“ folgt ein weiterer neuer Song vom kommenden Album „SPLAT!“. Für alle, die das neue Material noch nicht kennen, präsentiert sich „Diablo“ als kompakter, moderner Deep-Purple-Rocker. Der Song lebt von einem druckvollen Groove, markanten Gitarrenriffs, bissigen Keyboard-Akzenten und Roger Glovers solidem Bassfundament. Weniger Nostalgie, mehr Vorwärtsbewegung — ein Stück, das live sofort verständlich macht, dass Deep Purple auch mit neuen Songs noch Kante haben.
Don Airey liefert ein weiteres großes Keyboard-Solo
Don Airey bekommt danach erneut Raum. Mit gängigen Hammondtönen eröffnet er feierlich, wuchtig, dramatisch und geht dann mit flinken Fingern in cleane Klavierklänge über. Aber Ende wird es sogar richtig spacig. Es ist sein zweites großes Solo, das die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Bei dieser Wucht bebt sogar die Stage-Kamera, die die Bühnenbilder auf die Leinwände überträgt. Das Publikum feiert diese Meisterleistung gebührend.
„Rapture of the Deep“ und „Space Truckin’“
Meldodiöse Tasten leiten dann in „Rapture of the Deep“ über. Der Song bringt eine düstere, groovende Atmosphäre ins Set und betont die mystische Seite von Deep Purple. Besonders Don Aireys Keyboard-Sound prägt diese Stimmung, während die Band insgesamt etwas dunkler und schwerer klingt.
Dann zünden Deep Purple den nächsten Klassiker: „Space Truckin’“. Der Song rollt mit mächtigem Groove durch das Open-Air-Stadion. Das Publikum ist sofort wieder da. Es ist einer dieser Momente, in denen die große Hardrock-Ära der Band nicht wie Vergangenheit wirkt, sondern wie Gegenwart: laut, treibend, energiegeladen und mit sichtbarer Freude gespielt.
„Smoke on the Water“ beendet den offiziellen Teil
Mit dem immer und ewig gespielten „Smoke on the Water“ beenden Deep Purple den offiziellen Teil des Konzerts. Jeder kennt den Song. Jeder liebt den Groove und dieses unnachahmliche Riff. Sobald die ersten Töne erklingen, ist das ganze Stadion dabei. Der Song erzählt von einem realen Ereignis: dem Brand des Casinos in Montreux 1971, den Deep Purple damals miterlebten. Aus Rauch über dem Genfersee, Chaos und Improvisation wurde eines der berühmtesten Gitarrenriffs der Rockgeschichte.
In Meppen bekommt „Smoke on the Water“ seinen eigenen Gänsehautmoment. Das Publikum singt den Refrain fast allein. Nur Ian Paice hält am Schlagzeug den Puls, während fünftausend Stimmen durch das Open-Air-Stadion tragen. Für einen Moment gehört der Song nicht mehr nur der Band, sondern allen, die ihn mitsingen. Genau deshalb ist „Smoke on the Water“ längst mehr als ein Klassiker.
Zugaben mit „Hush“ und „Black Night“
Die Band lässt sich danach nicht lange bitten. Kurz wird sich mit dem Handtuch trockengetupft, ein kleiner Schluck aus dem Glas genommen — dann geht es weiter. Erst folgt ein instrumentales Stück, bevor „Hush“ das Stadion noch einmal in Bewegung bringt. Deep Purple wirken dabei gelassen, fast beiläufig, und doch sitzt jeder Einsatz.
Nach „Black Night“ ist um 21.35 Uhr Schluss. Deep Purple verabschieden sich mit einem letzten großen Klassiker und einem Publikum, das noch einmal alles gibt. Rund anderthalb Stunden hat die Band gespielt, nach einem starken Auftakt von Manfred Mann’s Earth Band.
Fazit: Zwei Kapitel lebendiger Rockgeschichte in Meppen
Am Ende bleibt der Eindruck eines Konzertabends, der weit mehr war als eine nostalgische Rückschau. Manfred Mann’s Earth Band eröffneten mit einem vollwertigen Klassiker-Set, Deep Purple lieferten danach eine kraftvolle Mischung aus Rockgeschichte, neuen Songs, Blues, Virtuosität und Spielfreude. Auch wenn zwei große Songs, nämlich „Perfect Strangers“ und „Anya“ von mir als Fan schmerzlich vermisst wurden, ging es dennoch mit neuen und alten Perlen beseelt nach Hause. Ian Paice glänzte am Schlagzeug, Don Airey setzte an den Keyboards große Akzente, Roger Glover hielt den Sound am Bass zusammen, Ian Gillan führte mit Stimme und Mundharmonika durch den Abend — und Simon McBride bewies eindrucksvoll, dass er als Gitarrist genau der richtige Mann für diese Band ist.
Was für ein Konzertabend: Sonne, Hitze, Brise, große Songs, starke Musiker und ein Publikum, das spürbar wusste, was es da erlebt. Das Emsland Open Air bekam an diesem Abend nicht nur zwei bekannte Namen geboten, sondern zwei Kapitel lebendiger Rockgeschichte.
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