Konzert Reviews

Within Temptation – Review zum „The Aftermath“ – Livestream

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Letzte Woche fand der erste Livestream der niederländischen Synphonic-Metal-Institution Within Temptation rund um Frontfrau Sharon del Adel statt. Der Web-Event, der unter dem Namen „The Aftermath – A Show in a virtual Reality“ groß angekündigt wurde, war der erste Auftritt der Band seit November 2019, damals noch in der Vor-Corona-Zeit. Wie nicht anders zu erwarten war, und der Name auch schon passend andeutete, hatte man im Lager von Within Temptation keine Kosten und Mühen gescheut, um dem Zuschauer ein großartiges visuelles Erlebnis zu bieten, nicht real, dafür aber in einer computer-animierten virtuellen Welt.

Schon seit einigen Jahren hat sich der Sound von Within Temptation von der ursprünglichen musikalischen Ausrichtung aus der Ecke Synphonic-Metal mit Gothic-Einschlägen immer mehr in Richtung eines stark von Synthesizer geprägten Metal mit futuristischem Sound verändert, sowohl optisch wie auch musikalisch. So war eigentlich schon vorher klar, dass bei dem Streaming-Event alle neuesten technischen Gimmicks, die in der neu geschaffenen Livestream-Branche inzwischen möglich sind, aufgefahren werden, um die Songs auch optisch fürs Publikum zu präsentieren. Die Macher schufen eine Vielzahl künstlicher Welten, angefangen von einer in Schutt und Asche liegenden Großstadtkulisse, einem griechisch anmutenden Tempelanlage bis hin zu durchs Weltall schwebenden Plattformen. Optisch untermalt wurden die Bühnenkulissen durch jede Menge Lichteffekte und Scheinwerfer, die jedoch manchmal wegen des teils hektischen Bildschnitts etwas überfordernd für den Zuschauer wirkten. Hier wäre etwas weniger vielleicht mehr gewesen.

Der Auftritt wurde von einem Cyborg-ähnlichen Roboterkopf präsentiert, der durch die nächsten (leider nur) 60 Minuten führte und immer wieder zwischen den wechselnden Bühnenkulissen auftauchte.

Den musikalischen Anfang machte Forsaken vom „The Silent Force“-Album, der schon einige Jahre nicht mehr im Live-Programm zu finden war. Dies war auch der einzige ältere Song aus den Anfangstagen der Band. Im Mittelpunkt des Abends standen ganz klar die neueren Songs von „Hydra“ und „The Risist“, die auch soundmäßig in die futuristische Schiene einzuordnen sind. Als Bühnenbild diente zu Beginn eine Großstadtruine, die geprägt war durch zerstörte Gebäude, Kräne und jede Menge Plattformen, auf denen die Musiker abrocken konnten. Durch die hauptsächlich in Rot-Tönen gehaltene Bühnenausleuchtung wurde effektvoll eine gewisse Endzeitstimmung hervorgerufen.

Neben den bekannten Songs aus den beiden letzten Alben feierten natürlich auch die neuesten Veröffentlichungen des letzten Jahres ihre Live-Premiere: Die bislang nur als Single bzw. Download veröffentlichten Songs „The Purge“, „Entertain You“ und das gerade erst veröffentlichte „Shed my Skin“ passten perfekt zu dem Event und fügten sich nahtlos in das futuristische Gewand des Abends ein.

Mit Engelsflügeln bestückt glänzte Sharon bei den poppig angehauchten Songs in einer mit einer riesigen Götterstatue geschmückten Grotte bzw. später einer Höhle. Auffallend war, dass Sharon ihre in früheren Zeiten eher dominanteren, höheren Tonlagen, die ab und an auch eher anstrengend wirkten, hier eher dezenter eingesetzt hat.

Als besonderes Special waren Within Temptation_SetVexy auch einige Gäste eingeladen, die durch ihre von den Platten bekannten Songs mit von der Partie waren. Bekanntestes Gesicht natürlich Tarja Turunnen, die sich bei „Paradise (What About Us?)“ von einer eigenen Plattform aus mit Sharon am Micro abwechselte. Ein echtes Meisterwerk der Band. Allerdings war hier ich etwas am zweifeln, ob Tarja bei den Aufnahmen wirklich live in Studio mit dabei war oder nur per Computer eingespielt wurde. Auffallend war, dass sie fast nicht in Großaufnahme zu sehen war, sondern hauptsächlich auf die im Hintergrund sichtbaren Bildschirme projiziert wurde.

Within Temptation_SetVexy

Bei And We Run“ wurde Sharon durch den Rapper Xzibit unterstützt, der sich per Video-Leinwand ein Duett mit ihr lieferte. Für mich musikalisch neben „Paradise“ einer der Highlights des Abends. Schade, dass Xzibit nicht live mit von der Partie gewesen ist.

Bei der gerade veröffentlichten neuen Single „Shed my skin“ wurden die Niederländer dann von den Jungs der deutschen Metalcore-Combo Annisokay begleitet, mit denen sie zusammen diesen Song aufgenommen hatten. Die beiden Sänger Rudi Schwarzer und Christoph Wieczorek teilten sich dabei gekonnt die Position am Mikro. Ab und an rutschte dann ein Growl dazwischen, ein klasse Song, der sicher auch vor Publikum zünden wird.

Beim folgenden getragenenen „Firelight“ lieferte sich Sharon dann ein Duell mit dem belgischen Sänger und Gitarristen Jasper Steverlinck von der Band Arid aus Gent. Für mich persönlich war dieser Song der schwächste des Abends, fehlte mir hier doch etwas die Power.

Bei The Reckoning“ verlagerte man den Set dann ins Weltall. Wie auf der Enterprise spielte die Band in den Weiten des Alls, immer durch jede Menge grandiose technische (Licht-)Effekte unterstützt. Supernova war dann der perfekte Song für die optische Umsetzung des Themas Galaxy und  Weltraum. Den Schlusspunkt setzte dann nach einer kurzen Dankesrede von Sharon an die Zuschauer Stairway to the skies und nicht wie üblich „Mother Earth“ (wann wurde dieser Song mal nicht gespielt?).

Fazit:

Auch wenn die Livestreams den Besuch eines Live-Gigs nicht annähern ersetzen können, schafften sie es doch in kürzester Zeit zu einem weltweiten Durchbruch in der Musik- und Kulturbranche. Sie geben den Künstlern die Chance, wenn auch in beschränkter Form, ihrem Beruf und ihrer Leidenschaft nachzugehen.

Musikalisch auf Top-Niveau konnte Sharon wie immer gesanglich und auch optisch mit ihren Outfits voll überzeugen, gehört sie doch ohne Zweifel zu den Besten ihres Faches. Größtes Manko an dem Event war für mich mal wieder die kurze Spielzeit von nur exakt 60 Minuten. Da hätte man sich als Fan nach so langer Pause dann doch eine etwas längere Setlist mit dem einen oder anderen Hit mehr gewünscht. Gute Songs haben Within Temptation in den letzten Jahren ja mehr als genug abgeliefert.

Nachdem ich in den letzten Wochen einige Streams der Synphonic-Schwergewichte angeschaut habe, wurde auch beim Within Tempation Stream deutlich, dass die Möglichkeiten für eine solche Online-Veranstaltung fast unbegrenzt zu sein scheinen. Wilde Fantasiewelten, gepaart mit tollen Bildeffekten und einer Lightshow, wie man sie nur schwer auf einer realen Bühne präsentieren kann, schufen die perfekten Rahmenbedingungen für eine gelungene Stunde Musikgenuss.

Soundtechnisch und optisch absolut hervorragend umgesetzt, allerdings blieb bei mir etwas der Beigeschmack hängen, hier „nur“ eher einen überlangen Videoclip zu betrachten anstatt eine richtige Live-Präsentation. Die teilweise nicht synchronen Lippen der Vocalisten und die vom Schlagzeuger eingespielten Bilder hinterließen dann doch den Eindruck eines stark geplanten und konstruierten Events, das hauptsächlich am PC entstanden ist. Auch persönliche Emotionen oder zwischenmenschliche Gesten fehlten bis auf die kurze Dankesansprache leider völlig.

Im Vergleich zu den Streaming‑Auftritten von Thundermother, Burning Witches, Nightwish und Epica war die Bildführung für mich teils etwas anstrengend und lichttechnisch teils zu überfrachtet, sodass der oberste Platz auf dem Stockerl für das Gesamtpaket/Gesamterlebnis in meiner internen „Female Fronted Metal-Livestream-Challenge“ dieses Mal an die Landsmänner/-frau von Epica rund um Simone Simons ging.

Um in der Tradition der Bewertung zu bleiben, vergebe ich 9 von 10 Bängs.

neun von zehn

Mit Ausnahme von Burning Witches findet ihr alle Reviews bei uns im Magazin unter https://rockmagazine.net/category/reviews/konzertreview

Setlist „The Aftermath“ Stream:

  1. Forsaken (erstmals live seit 2008)
  2. Our Solemn Hour
  3. Paradise (What About Us?) (mit Tarja Turunen)
  4. The Purge (Live-Debut)
  5. Entertain You (Live-Debut)
  6. Raise Your Banner  
  7. And We Run (mit Xzibit)
  8. Shed My Skin (Live-Debut, mit Annisokay)
  9. Firelight (Live-Debut)
  10. The Reckoning
  11. Supernova  
  12. Stairway to the Skies

Online :

https://www.within-temptation.com/

https://www.instagram.com/wtofficial/

Fotocredits: SetVexy

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Thomas

Musikalisch bin ich seit den 80er vor allem im melodischen Hard& Heavy-Dschungel unterwegs und immer auf der Suche nach neuen und alten Perlen. Meine absoluten Faves sind Queenaryche, Y&T, Die Toten Hosen... u.v.a......teilweise geht mein Blick aber auch mal über den Tellerrand in Richtung Speed/Trash/Death...solange Melodien erkennbar sind. Auch wenn ich schon zu der Ü50-Fraktion gehöre, findet man mich bei Konzerten und Festivals fast immer Front of Stage, denn Sitzplatz bei Rockkonzerten, das geht gar nicht. Erst wenn es ohne Rollator mal nicht mehr gehen sollte, ist die Tribüne vielleicht ne Alternative.

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