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Immortal Guardian – Psychosomatic – Die Kitsch-Pandemie?! – Album Review

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Genre: Progressive Power Metal

Land: USA/Brasilien/Kanada

Ein Album zum Thema Corona … Ich hab die Nase gestrichen voll – oder wie der Amerikaner sagen würde – I am fucking sick of it! Ich kann verstehen, dass Bands wie hier Immortal Guardian dieses Thema in ihren Songs verarbeiten wollen, aber irgendwann reicht es. Power Metal ist auch nicht wirklich bekannt für seine …, na, ja, sagen wir mal „komplexen“ oder „subtilen“ Texte, sondern eher für die der Sorte, welche man selbst noch mit gutem Alkoholpegel live gut mitgrölen kann. Kann „Psychosomatic“ mit so einem ernsten Thema überhaupt funktionieren, ohne es ins Lächerliche zu ziehen?!

Vorweg sei gesagt, dass ich normalerweise eine der Personen bin, die sich zu aller Erst auf die Musik fokussiert. Lyrics sind für mich immer etwas gewesen, dass man mal schnell im Internet oder Booklet der CD/LP bei Interesse nachschaut. Gefällt mir die Musik nicht, können die Texte noch so gut sein. Andererseits ist es okay, schlechtere Texte zu haben, solange die Musik ballert.

Bei Immortal Guardian ist definitiv Letzteres der Fall. Der Opener und Titeltrack des neuen Longplayers hat mit seiner orientalischen Gitarrenmelodie einiges auf dem Kasten und catcht mich sofort. Die Band hatte schon auf ihrem ersten Album immer wieder djentiges Drumming und Riffing in ihren Power Metal eingestreut, was auch auf dieser Platte gut funktioniert. Der Refrain von Psychosomatic ist zwar ein Ohrwurm, textlich aber leider schon mehr kitschig als komplex. Ich will mir gar nicht vorstellen, wie ein Live-Publikum lauthals „Quarantine!!!!!“ schreit…

Read Between The Lines wird durch neoklassisches Gitarrenspiel eingeleitet und geht in den Strophen in einen djentig-chuggigen Rhythmus über. Der Chorus ist hier nicht so eingängig wie im Opener, dafür gibt es hier aber ein kreatives Gitarrensolo, das Djent, Neoklassik und Jig-ähnliche Parts gut miteinander verbindet. Aber hört doch einfach selbst:

Ein kurzer Spoken Word-Part leitet (den) Lockdown ein. Anfangs erinnert mich der Track etwas an Kinslayer von Nightwish, zumindest von der Instrumentalsektion her. Sänger Carlos Zema ist da ein ganz anderes Biest. Er beweist auf jedem Song des Albums seine unglaublich Vocalrange, auch auf diesem Song entlockt er seiner Metal-Röhre ein paar schöne, hohe Töne (vor allem im Finale!). Die Lyrics des Refrains driften leider auch hier wieder ins Cringe-Gebiet, was die Musik drumherum nur teilweise wieder ausgleichen kann.

Phobia nimmt in Sachen Chorus auch kein Blatt vor den Mund, jedoch ist der Kitsch hier etwas erträglicher als beim Vorgänger. Das kommt vielleicht auch von der hervorragenden Solosektion der Gitarren, aus denen Gabriel Guardian wirklich alles herausholt und damit diesen Song zum ersten musikalischen Höhepunkt auf dieser Platte macht.

Neoklassisch beginnt Clocks – ein etwas langsamerer Track mit interessanten Rhythmuspattern. Klavier und Streicher sowie die Drums glänzen in der ersten Strophe und ein kleiner Tempowechsel in der Songmitte baut ein schnell gespieltes Gitarrensolo auf. An sich kein schlechter Song, aber nichts im Vergleich zu meinen Favoriten des Albums, die erst im letzten Drittel kommen.

Ein kleines Interlude darf auch auf dieser Platte nicht fehlen. Es hört auf den passend zum übergeordneten Plattenthema gewählten Namen Self-Isolation und leitet gekonnt zum nächsten vollwertigen Song Goodbye To Farewells über.

Dieser öffnet mit melancholischer Stimmung, welche in dunklen, symphonischen Power Metal umschlägt. Der Text ist diesmal wirklich erträglich und sogar etwas traurig. Aber hier möchte ich nicht zu sehr in die Tiefe gehen. Im Mittelteil das Titels werden überraschenderweise einige Growls und Screams zum Besten gegeben, die Sänger Carlos Zema perfekt ausführt. Das Finale wirkt sehr stimmig zum Rest des Songs und leitet direkt auch die nächste Nummer, Candlelight, ein.

Wie ich bereits zuvor angedeutet habe, ist die zweite Hälfte des Albums meiner Ansicht nach sehr viel besser als die erste. Und Candlelight ist hier keine Ausnahme. Es ist die (Halb-)Ballade von „Psychosomatic“ und übernimmt die traurig-melancholischen Vibes des Vorgängers. Ein wirklich bewegendes Stück, das durchweg zu gefallen vermag. Zum Ende hin wird auch mal etwas tiefer gesungen, was eine schöne Abwechslung zum normalen „High-Note-Finish“ des Power Metals darstellt.

Auch der Start von Find A Reason ist ein nahtloser Übergang, was mir sehr zusagt. Die fesselnde Piano-Melodie am Anfang wird von den Gitarren übernommen. Es entsteht ein Midtempo-Track, gewürzt mit Sehnsucht und Begehren in den Vocals. Auch hier sind die neoklassischen Einflüsse der Band wieder im Gitarrenspiel hörbar. Ein wirklich cooler Song!

New Day Rising hat wahrscheinlich das größte Ohrwurmpotenzial auf dem Album. Hier arbeiten Djent und Neoklassik in perfekter Harmonie zusammen, man möchte also headbangen und gleichzeitig Mozart-Vergleiche ziehen. Beim Refrain ist es mir glücklicherweise erneut nicht peinlich, mitzusingen. Aber das kommt vielleicht auch davon, dass dieser mir schon seit dem ersten Hördurchgang im Gedächtnis geblieben ist ….

Ein Progressive/Power Metal-Album zu den Themen Lockdown, Isolation und Corona …. Meine Skepsis hat auch nach dem Durchhören von „Psychosomatic“ nicht signifikant abgenommen. Instrumental gefällt mir das Album sehr gut, der Gesang ist top, aber an den Texten hätte man ruhig etwas länger schreiben können.

Aber, wer bin ich, dass ich so etwas behaupten darf?! Ich schreibe ja selbst Texte mit den kitschigsten Einleitungen ….

Fazit: „Psychosomatic“ ist musikalisch betrachtet ein hervorragendes proggiges Power Metal-Album. Nach einer akzeptablen ersten Hälfte schwingt sich die Band gegen Ende zu den wirklichen Juwelen der Platte auf. Immortal Guardian können nach ihrem exzellenten Debüt mit einem soliden zweiten Output aufwarten, der lediglich textlich stellenweise zu kitschig wirkt.

Von mir gibt es dafür 7 von 10 lockdownigen Bängs.

sieben von zehn

„Psychosomatic“ erscheint am 12. Februar 2021 via M-Theory Audio und ist als CD, LP und digitaler Download erhältlich.

Die Band:

Gabriel Guardian (guitars/keyboards)

Carlos Zema (vocals)

Joshua Lopez (bass)

Justin Piedimonte (drums)

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Elias

Elias

Schreiberling aus Leidenschaft, Metal-Enthusiast seit der Schulzeit. Verirrt sich gern in den Tiefen des Prog und bestaunt moderne Ansätze zu Rock und Metal.

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