Dieses Interview hat am Dienstag, den 20. Januar, stattgefunden. Ein paar Tage zuvor fand im L.A. Cham das Release-Konzert von Unberechenbar, dem neuen Album von den Dorks, statt. Dazu gab es noch einen Besetzungswechsel am Bass, denn kurz zuvor hat Mark von Elend die Band verlassen und wurde von Francesco Pisana Traversa ersetzt. Also mehr als nur ein Grund, um mit der Band über die Ereignisse der letzten Wochen zu sprechen. Zum Glück hatte Liza Dork (Stimme und Gitarre) Zeit für uns.
Christian B. (RM): Hallo Liza, wie war die Release Party am Freitag ?
Liza: Es war ziemlich cool! Wir haben zwar wie erwartet das L. A. nicht ganz vollgemacht, weil wir nicht die großen Headliner sind und uns natürlich etwas Bekanntheitsgrad fehlt, aber es war trotzdem saugeil! Die Stimmung war cool, die Vorband (33 RPM) war auch nice, da kann man sich nicht beschweren.
Christian B. (RM): Dann wurden die Erwartungen quasi erfüllt?
Liza: Absolut! Wir haben halt auch nicht ein ausverkauftes Haus erwartet, weil wir einfach nicht den großen Namen haben. Wenn wir z. B. Support für Kärbholz machen, dann ist die Hütte natürlich voll. Oder für Tankard, vor denen wir hier im L. A. auch schon gespielt haben. Allerdings ist es schwierig geworden, als Support bei einer größeren Band unterzukommen, denn die machen inzwischen fast alle so Co-Headliner-Dinger, wo sich zwei große Bands zusammentun, und die sagen dann, dass sie eigentlich keinen Support mehr brauchen.
Aber wir nehmen alles mit, was wir kriegen, und wir schauen halt jetzt, dass wir nicht nur im deutschsprachigen Raum unterwegs sind. Die Nachbarländer Frankreich, Italien und auch Osteuropa sind interessant, unabhängig von der Sprache. Wir nehmen einfach alles mit, was sich ergibt. Und durch Francesco (unseren neuen Bassisten) haben wir jetzt Kontakt zu einer europäischen Agentur. Und so viel kann ich schon mal verraten: Wir spielen sogar einen Gig außerhalb von Europa 2026 und supporten 2027 eine sehr große Tour.
Was es in Deutschland auch schwierig macht, habe ich immer so das Gefühl, ist unser Sound-Mix aus Punk, Metal und Rock. Die Deutschen haben halt gern ihre Schubladen, und gerade was jetzt deutschen Punkrock betrifft, passen wir gar nicht so rein. Da wird es dann schon schwierig, dass man irgendwo im Line-up unterkommt.
Christian B. (RM): Das bringt mich gleich mal zu einer Frage die ich eigentlich für später aufgeschrieben hätte. Du hast ja eben angesprochen das es schwierig ist die Dorks stilistisch einzuordnen, weil ihr schon so ziemlich alles mit drin habt vom Punk, über Hardcore zu Metal. Auf dem neuen Album kommt noch ein wenig Deutschrock dazu. In was für einem Genre fühlst du dich jetzt am wohlsten bzw. welche Genre Bezeichnung ist dir am liebsten?
Liza: Ich finde eigentlich Crossover auch ganz passend, wie es in einigen Reviews geschrieben wurde. Das beschreibt unsere Mischung eigentlich ganz gut. Es ist Metal, es ist Rock und es ist auch immer noch Punkrock. Persönlich finde ich es ja auch am geilsten, wenn ich auf ein Festival gehe und dort verschiedene Genres aufeinandertreffen. Oder wenn ich jetzt zu Iron Maiden gehe und dann spielt eine Vorgruppe, die völlig anders klingt als der Hauptact selbst. Das finde ich persönlich geil, weil ich nicht so der Genretyp bin, sondern höre, was mir taugt.
Deswegen finde ich diese Engstirnigkeit im Punkrock oder auch im Deutschrock langweilig. Es gibt auch immer diese Leute, die z. B. nur Onkelz hören, das wäre mir auch zu langweilig. Da finde ich jetzt z. B. das Wir leben laut-Festival 2025 (6.–8. Juni 2025, Loburg) richtig geil, wo unter anderem Doro, Tankard und Die Dorks gespielt haben. Und dann hast du auf dem Parkplatz Leute, die wirklich den ganzen Tag immer nur die eine gleiche Mucke gehört haben und auch so nicht aufs Festivalgelände gegangen sind. Warum fährt man dann auf ein Festival? Da kannst du doch auch daheim im Garten bleiben, ein Lagerfeuer machen, und dann hast du dasselbe in Grün.
Christian B. (RM): Darum ist ja auch mein Lieblingsfestival das Summer Breeze. Das hat doch eine gewisse Größe und von Mittelalter über Rock, Punk, derbsten Metal ist alles dabei. Und dann habe ich am selben Tag die Donots, Unleashed oder Blind Guardian.
Christian B. (RM): Lass uns mal über das Artwork von Unberechenbar sprechen. Was bedeuten eigentlich die Scheren da drauf?
Liza: Naja, wir sind ja alle keine Grafiker und haben letztes Jahr überlegt wie wir den Albumtitel optisch umsetzen könnten. Da habe ich dann den Simon Machner aus München gefunden, ein ganz guter Grafiker und den haben wir dann gefragt ob er Lust hätte uns ein Artwork zu machen, das nicht zu filigran wäre. Also irgendwas, was sich die Leute merken können und was zum Titel Unberechenbar passt und dann ist er mit den Scheren gekommen. Ich finde das hat ein bisschen was von Psycho und bei unserer Musik weiß man auch nicht so ganz genau, was dahintersteckt. So fanden wir das eigentlich ganz passend.
Christian B (RM): Ihr veröffentlicht ja regelmäßig neue Alben, und da ist jedes Mal eine Steigerung eures Könnens zu hören, dazu seid ihr auch recht fleißig am Touren und das quer durch die Republik. Und ganz sicher könnt ihr nicht von der Musik leben und habt alle einen „vernünftigen“ Job. Wie macht ihr das?
Liza: Also ich bin in Teilzeit in einer Behinderteneinrichtung tätig, und unser Schlagzeuger, der Bons, ist aktuell noch bei 35 Stunden. Aber der hat auch schon gesagt, wenn wir mehr Gigs im Jahr spielen können, muss er diese auch reduzieren. Wir wollen spielen, was geht. Ich denke, das ist auch einer der Hauptgründe, warum Mark (von Elend, Bass von 2020 bis 2025) gegangen ist. Er hätte das einfach mit seinen zwei Firmen nicht mehr dauerhaft gestemmt, und dazu ist auch die Motivation bei ihm verloren gegangen, ewig weit unterwegs zu sein für einen Auftritt, der halt auch mal in einem kleinen Club und nicht nur als Support auf der großen Bühne stattfinden kann.
Du kannst als kleine Band halt nicht nur Rosinen picken, da muss man auch mal kleine Clubshows annehmen. Wie auch immer, wir haben drei coole Alben zusammen mit Mark aufgenommen. Wir meinten dann erst, dass wir einen zweiten Mann am Bass einarbeiten, um ihn zu entlasten. Und die Gigs, die er noch spielen mag, könnte er dann wahrnehmen, das wäre für alle Beteiligten okay. So müssten wir nicht auf irgendwas verzichten und alle wären zufrieden.
Ich bin dann auf Backstage Pro gegangen und habe einmal geschaut, wer sich da so alles anbieten würde. Der Erste, den ich angeschrieben habe, war dann tatsächlich Francesco. Der Bons meinte dann, dass uns ein Profimusiker der vom Songwriting lebt, sicher nicht antworten wird. Ich meinte nur, anschreiben kostet nichts, und so kam gleich die Antwort zurück: Er findet das Album total geil und hätte Bock, uns mal kennenzulernen. Geile Story.
Wir hatten dann Anfang Dezember die erste gemeinsame Probe und uns gleich gut verstanden, das war schon saucool. Der Mark hat dann gleich gefragt, wie es gelaufen ist mit dem Ersatz und so. Ich meinte nur: „Du, pass auf, saucool, gell, Topmann, also den können wir mitnehmen auf Tour, dem taugt es mit uns.“ Eine Stunde später kam von ihm zurück, ob wir Francesco nicht gleich fragen können, ob er fest einsteigen will.
Eigentlich dachten wir, der Mark würde die Gigs zu unserem neuen Album noch spielen wollen, aber okay. Wir haben uns dann gleich mit Francesco in Verbindung gesetzt, der war sofort ganz begeistert und meinte, dass wir das schon hinkriegen und spielt halt auch gleich die Release-Konzerte mit uns. Das war natürlich jetzt schon ein brutaler Ritt, denn er wohnt dreieinhalb Stunden weg in Tschechien, aber es geht schon. Man kann sich halt jetzt natürlich nicht jeden Tag zum Proben treffen, aber Profis wie wir kriegen das hin. Und so sind wir schon nach drei Proben zusammen auf der Bühne gestanden.
Christian B. (RM): Wenn man die Bilder auf Social Media so sieht, ist ja der neue Bassist anscheinend auch ein ganz anderer Typ, wie der Mark, oder?
Liza: Francesco ist deutlich extrovertierter und man kann schon sehr viel Spaß haben mit ihm. Mark war eher ein bisschen introvertierter, aber auch ein super Musiker und auf der Bühne trotzdem Showman. Wir haben tolle Alben mit ihm gemacht, aber er ist ihm wie gesagt die Motivation verloren gegangen. Aber beide, Mark, als auch Francesco sind Top-Musiker mit eigenem Stil und es war damals und ist auch jetzt klasse, dass jeder seine eigene Persönlichkeit mit in die Band bringt.
Christian B (RM): Was mich auch interessieren würde, wie sehr die Musikerin Liza Dork mit der Privatperson Liza zusammenhängt, denn deine Texte sind ja oft schon sehr aggressiv und gewalttätig?
Liza: Die beiden stecken schon zusammen. Meine Texte halten mich quasi davon ab, rauszugehen wie jemand, der gestört ist und die Leute einfach abknallt. Ich meine, wenn man sich die Welt da draußen so anschaut und die ganze Entwicklung: Überall ist Krieg, überall sieht man brutale Scheiße! Und auch in Deutschland hauen sich die Leute ja mittlerweile wegen Nichtigkeiten den Schädel ein. Dazu kommt noch die ganze Cancel Culture, wo Bands ausgeladen werden, weil irgendwer irgendwo was gelesen hat, das nicht in dessen Weltbild passt, ob es stimmt oder nicht. Dann noch dieses ganze Cybermobbing – das alles macht schon aggressiv. Musik ist da ganz wunderbar, denn da kann man seine Wut ja ganz legal reinpacken.
Christian B. (RM): Ein Song der bei mir, unter anderem, hängen geblieben ist wäre Kranker Geist. Wer oder was genau ist mit diesem kranken Geist gemeint?
Liza: Ach, ich beziehe das auch oft auf mich, weil die Leute einfach oft sagen, die Liza, die spinnt halt. Also wenn man jetzt sagt, ich wäre nicht so wie 90 % der anderen in meinem Alter. Bei mir ist es so, dass ich in der Früh aufstehe, meinen Kaffee trinke und mein erstes Ding ist, dass ich mich um meine Band kümmere. Und das ändert sich wahrscheinlich auch die nächsten 20 Jahre nicht, denn ich will Musik machen.
Bei vielen anderen ist es halt irgendwie so eine Phase. Dann gibt es noch die, die bewundern müssen, wie viel Energie ich da reinstecke. Das hat auch Mark zu mir gesagt. Man braucht halt auch einen langen Atem, wenn man mit seiner Band etwas erreichen will. Und für mich ist aufgeben keine Option. Auch wenn einmal eine Phase dabei ist, wo es schlechter läuft und viele sagen: „Ja, Wahnsinn, wie ihr das alles macht.“
Es hängt ja auch finanziell einiges drin, da brauchen wir uns nichts vormachen. Eine Band kostet viel Geld, vor allem wenn man Alben produzieren und etwas aufnehmen will. Mir ist das Geld in dem Moment schon egal, denn wir wissen alle nicht, was in zwanzig Jahren ist. Ob wir alle dann noch gesund sind, ob wir überhaupt noch leben oder vielleicht doch irgendeiner den Atomknopf gedrückt hat, das wissen wir alles nicht. Deswegen sage ich für mich: Wir leben im Heute, und ab damit. Auch wenn mich andere irgendwie für krank halten.
Christian B. (RM): Ihr kommt ja ursprünglich aus der Punk Szene und deswegen gehe ich mal davon aus, dass ihr auch politisch eher links zu verorten seid. Deswegen finde ich es ja doch interessant, dass ihr kein Problem damit habt mit Matthias „Gonzo“ Röhr von den Onkelz verglichen zu werden?
Liza: Richtig, für mich ist das mittlerweile alles Kinderkacke. Tankard haben mir die Geschichte der Onkelz so erzählt, dass sie damals, als sie dieses „Türken raus“-Lied geschrieben haben, von einer Türkengang im Proberaum überfallen worden sind. Und deswegen haben sie in ihrem jugendlichen Leichtsinn diesen Song geschrieben. Da heute noch, 30 Jahre danach, die Rechtskeule daraus zu stricken – ich weiß nicht!
Ich mein, Stephan Weidner ist nebenbei ein professioneller Produzent, und Gonzo ist wohl mit Abstand einer der besten deutschen Gitarristen. Ich weiß ja nicht, ob du die Solo-Dinger von ihm schon mal gehört hast, aber das ist ja schon einfach brutal, was der da abliefert. Wie lange möchtest du einen Menschen für seine Fehler in der Vergangenheit steinigen? Das ist doch Quatsch!
Wir haben im letzten Jahr ganz viele Fans verloren, weil wir mit Kärbholz gespielt haben, und die haben selber nicht mal so eine Vergangenheit. Es reicht, dass sie einfach nur auf dem G.O.N.D.-Festival aufgetreten sind. Wir sind da mittlerweile an einem Punkt, wo wir darüber hinweg sind und sagen: „Wir lassen uns da nicht unter Druck setzen und uns von irgendwem sagen, mit wem wir reden oder mit wem wir spielen dürfen!“
Wir haben selber Augen im Kopf und nutzen unseren Verstand, sodass wir selbst entscheiden können, ob das jetzt coole Leute sind oder nicht. Da brauche ich jetzt keine linke Szene dazu, die mir dann sagt, wer mein Freund sein darf und wer nicht. Und dass man kein Nazi ist, das sagt einem doch der gesunde Menschenverstand, das hat für mich auch nichts mit irgendeiner Szene zu tun. Das sollte eigentlich für jeden selbstverständlich sein, und deswegen verstehe ich nicht, warum wir über so eine Scheiße mit den Leuten diskutieren sollen.
Christian B. (RM): Damit kommt man ja sowieso nicht weiter bei denen, weil da jeder im Normalfall mit seiner Meinung richtig festgefahren ist.
Liza: Ja, da sitzt du morgen noch da und kannst mit denen schreiben, bis du schwarz wirst! Aber du kannst deren Meinung eh nicht ändern. Wir haben auch den Support von einem großen deutschen Punkrock-Musikmagazin verloren und diesmal kein Review und keinen Interviewplatz mehr bekommen, weil wir eben mit Kärbholz unterwegs gewesen sind. Aber ich lasse mich da nicht unter Druck setzen und gehe meinen Weg.
Christian B. (RM): Das wäre eigentlich jetzt schon ein schöner Schlusssatz, aber zwei Fragen hätte ich noch und eine davon wäre welche Frage man dir in 10 Jahren stellen sollte?
Liza: Ob es mir immer noch Spaß macht?
Christian B. (RM): Liz, hast du noch ein Schlusswort an die Fans?
Liza: Natürlich herzlichen Dank an alle, die jetzt zu den Release-Shows kommen. Wir haben diese zum ersten Mal selbst veranstaltet, und zwei davon sind jetzt schon gelaufen. Da kann ich jetzt schon sagen, dass das total schwierig war für uns, im Vorverkauf Karten abzusetzen. Generell ist es als kleine Band gar nicht so einfach, genügend Leute auf die Konzerte zu bekommen. Aber wir sind wahnsinnig dankbar für jeden, der unsere Mucke teilt und dann vielleicht auch mal sagt: „Hey du, lass uns doch mal die Dorks auf einem Konzert anschauen.“
Der Live-Sektor ist halt das Wichtigste, und wir müssen schauen, dass wir den Underground unterstützen. Dass sich kleine bis mittelgroße Bands gegenseitig supporten und nicht auch noch irgendwie Scheiße zueinander sind! Und natürlich müssen sich auch die Fans einfach wieder mehr überwinden und sich Tickets im Vorverkauf besorgen, denn wir sind wirklich abhängig davon. Das würde es vielleicht möglich machen, in einem Jahr oder so, dass wir wieder einen Versuch starten können, eine eigene kleine Tour aufzuziehen.
Wir haben jetzt erst mal nur drei Konzerte selber veranstaltet, weil wir eben einfach gewusst haben, dass jetzt nicht der Teufel über den Vorverkauf gehen wird. Deswegen: Support, Support, Support ist das Wichtigste für uns. Danke!
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