Interview

Leben im hier und jetzt! – im Interview mit Helloween

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Am 19. Juni erscheint das neue, heiß erwartete, Helloween Album und wir hatten das Glück deren Gitarristen Sascha Gerstner ein paar Informationen darüber zu entlocken. Übrigens ein sehr netter und entspannter Typ

Christian (RM): Hallo Sascha, erstmal Glückwunsch zum Album, das ist richtig gut geworden. Dazu gleich mal die Frage wie die Arbeit mit Kai Hansen und Michael Kiske gewesen ist. Die Beiden haben ja doch einen gewissen Legendenstatus!

Sascha: Es war auf jeden Fall dadurch anders, weil wir es gewohnt waren, zu fünft zu arbeiten und jetzt waren zwei mehr dabei. Das Gute dabei war, dass wir zwei Jahre schon zusammen auf Tour waren plus Proben und allen Drum und Dran. Das hat sich inzwischen dann so familiär angefühlt und war relativ entspannt. Wir haben uns auch viel mehr Zeit genommen, das war eigentlich der große Unterschied zu den 15/16 Jahren vorher und da haben wir die Möglichkeiten gehabt, an der ganzen Spannbreite am Album zu arbeiten.

Hansen hat ja z.B. seine Gitarren in Hamburg aufgenommen, ich hab das in Fürth gemacht. Charlie Bauernfeind, unser Produzent, hat einen guten Plan ausgearbeitet. Er hat uns ja auch live gesehen und gesagt, die Energie auf der Bühne müsst ihr auf einem Album einfangen. So entstand der Marschplan für das kommende Album. Für mich war es jetzt deswegen nicht so ungewöhnlich, da wir wussten, um was es ging und weil wir eben schon so lange zusammen auf Tour waren, sind wir dann schon als eingeschworene Truppe an die Vorbereitungen zu Helloween gegangen.

Von link nach rechts: Andi Deris, Kai Hansen, Dani Löble, Michael Kiske, Michael Weikath, Markus Grosskopf und Sascha Gerstner

Christian (RM): Hat euch denn dann das Coronavirus Einschränkungen bei den Aufnahmen beschert?

Sascha: Nicht direkt, nur beim Mix. Bei den Aufnahmen nicht, die sind alle vorher noch passiert. Oktober 2019 sind wir ja von der Brasilientour nach Hause gekommen und sind gleich ins Studio gegangen zur Vorproduktion. Als wir dann fast fertig waren, kam Corona und das hat dann mehr unsere Mixingsession betroffen.

Christian (RM): Keine Auswirkungen Bandtechnisch?

Sascha: Nur das wir alles ein wenig verschieben mussten und nicht gleich auf Tour gehen konnten. Das ist eigentlich der dramatische Part.

Christian (RM): Ihr seid ja bei Helloween schon eine Handvoll kreativer Köpfe in der Band, wie wird da entschieden von welchem Bandmitglied welcher Song es auf das Album schafft?

Sascha: Es war ja bei uns auch vorher schon so gewesen, dass es immer natürlich passiert ist. Man muss dazu wissen, dass unser Management schon lange mit uns unterwegs ist – seit 2004.  Unser Produzent Charlie hat seitdem ich bei Helloween bin,  jedes Album produziert und auch The Dark Ride davor. Das heißt,  wir kennen uns alle sehr sehr gut, das hat fast schon was Familiäres. Jeder Songschreiber hat seine Songs geschrieben. Wir haben uns dann irgendwann in Hamburg getroffen, haben uns die Songs gegenseitig vorgespielt. Dies haben wir übrigens vorher auch zu fünft immer so gemacht. Es ist ganz spannend, weil man vorher nicht weiß, was die anderen mitbringen. Und da sind alle mit an Bord: der Produzent, das Management und die Band. Wir sitzen alle in einem Raum und hören uns durch das Material und  da merkt man dann schon, wo die Tendenzen hingehen. Es gibt Sachen, da bemerkt man direkt, das holt die Leute ab. Dann gibt es noch die Songs, da hört man, die  bedürfen noch Arbeit. Und dann gibt es natürlich noch die Lieder, wo man instinktiv merkt, dies haut jetzt keinen vom Hocker. In der Situation mit Kai und Michi zusammen war es jetzt so, dass Charlie den Marschplan hatte. Das fand ich total genial. Das hat eine Magie, gerade dieses Ding mit den drei Gitarren und den drei Sängern, das hatte man jetzt live gut ausgecheckt, dass es eine gewisse Symbiose gebildet hat. Charlie hat uns ja auch bei der Wacken Headlinershow gesehen und das hat ihn total umgehauen. Er hat gemeint, wenn ihr mal ein Album zusammen machen solltet, dann will ich diese Energie da draufhaben. Das war sein Plan und deswegen hat er auch ganz viel entschieden. Es gab unter uns Gitarristen auch keine große Diskussion wer jetzt was spielt, sondern einer legt vor mit den ersten fünf/sechs Songs und der soll dann auch am besten aufnehmen, was ihm alles einfällt und am Ende entscheidet Charlie und auch der jeweilige Songschreiber, wie sich die Tracks dann zusammenfügen. Es gab jetzt nicht der eine spielt das Solo und der andere dann das, sondern wir haben alles aufgenommen was uns so eingefallen ist. Mehr nach dem Motto: man ist der einzige Gitarrist.

Und die Sänger haben sich von Anfang an gut verstanden, Michi und Andi, die sind echt unzertrennlich. Wenn wir bei den Proben sind, hängen die immer zusammen ab. Da gibt es kein Ego, die teilen sich die Sachen gut auf. Und dann noch Dennis Ward an Bord (Gründungsmitglied von Pink Cream 69/Unisonic und Produzent), der das Ganze mit arrangiert hat. Es war ein richtig großes Team und das hat die ganze Sache einfacher gestaltet.

Christian (RM): Gut, dann hat sich die Frage mit der Gesangsaufteilung zwischen Michi und Andi auch gleich mit beantwortet. Und kann gleich die nächste Frage übergehen. Der Charlie hat Dich ja zu Helloween gebracht, warst Du zu dem Zeitpunkt überhaupt Fan der Band?

Sascha: Nein, ich war kein Fan der Band. Natürlich hab ich  Helloween gekannt, ist ja doch ein Name, an dem man nicht vorbeikommt. Aber ich muss jetzt ehrlicherweise sagen, dass ich erst durch Freedom Call in diese Richtung hineingerutscht bin. Ich hab ganz viele verschiedene Roots, dazu gehört zwar auch Metal, aber ich habe mich nicht so mit dem – ich nenne es mal Subgenre Powermetal – befasst. Ich kannte Helloween aus der Schulzeit, da gab es ein paar Jungs die total darauf abgefahren sind. Aber zu der Zeit habe ich Toto und Saga gehört.

Christian (RM): Waren das dann auch die Vorbilder, die Dich zum Gitarrenspielen gebracht haben?

Sascha: Nö, das war tatsächlich Michael Schenker. Meine eigentlichen Roots waren ursprünglich New Wave und Pop als ich angefangen habe, Musik zu machen. Mein Onkel ist ein super Gitarrist, und der hat mir mit 12/13 immer was von Vinyl auf Kassetten überspielt. Die Musik, die er mochte und da hab ich irgendwann mal MSG gehört. Das hat mich dann schon geflasht. Vorher hab ich eher mit Synthesizern geliebäugelt. Wie gesagt, vorher mochte ich so Endsiebziger, Anfang der Achtziger New Wave und Romantics Sachen wie Gary Numan und sowas. Erst durch die Kassetten von meinem Onkel bin ich darauf gekommen, Gitarre spielen zu wollen weil ich die stark und genial fand. Dann habe ich Scorpions und ähnliche Bands entdeckt und dann auch Progessive Rock. Danach habe ich zwischenzeitlich in Coverbands gespielt, wo wir alles Mögliche gespielt haben. Helloween ist da ein bisschen am Rande gewesen. Als ich dann mit Freedom Call die ersten beiden Alben gemacht habe, bin ich erst in diese Szene gerutscht. Da hab ich dann Bands kennengelernt, von denen hatte ich vorher noch nie was gehört. Wir waren damals mit Hammerfall auf Tour, mit Virgin Steele, Saxon und was weiß ich noch alles. Die erste Tour, die wir gemacht haben, war in Frankreich mit Angra. Von denen hatte ich vorher noch nie was  gehört. Dann kommen wir da hin und die spielen dort in Riesenhallen und da konnte ich nur noch denken:   „Wow, das ist ganz schön krass“. Das hatten wir vorher noch nicht so mitbekommen.

Christian (RM): Auf dem neuen Album von Euch ist mir sofort Best Time im Ohr hängen geblieben, ein Titel, den Du geschrieben hast. Hattet Ihr bei der Aufnahme dabei schon die Livesituation vor Augen, die der Song ja schon vermittelt?

Sascha: Andi war auch daran beteiligt und die Idee war ja schon, dass es ein Up Lifting Song sein soll. Etwas mit einem positiven Feeling das einem mitreißt so wie Future World und I Want Out,  dieses Rockige. Und ich dachte auch ein wenig an Autofahren, heiße Sommertage, man ist gut drauf, die Fenster sind offen, oder auch nachts durch den Tunnel an einem lauen Sommerabend, so dass der Song ein geiles Gefühl übermittelt. Und du hast Recht, er hat schon so einen gewissen Live-Effekt mit diesem achtel Beat. Und Andi meinte beim Vorspielen von Best Time auch gleich, er würde da gern was dran machen, er hätte noch ein paar Ideen. Zu der Zeit waren wir in der Vorproduktion und eigentlich hatte ich den Song schon fertig, inklusive der ganzen Gesangslinien. Und so haben wir noch ein wenig ausprobiert. Wir haben dann etwa eine Stunde daran geschraubt und etwas umarrangiert, einen neuen Vers von Ihm reingepackt und haben die ganzen Akkorde geändert. Das ging schnell und zum Schluss hatten wir eine coole Zeit und ein tolles Ergebnis zusammen.

Christian: Welcher Song von Dir hat es sonst noch auf das Album geschafft und von was handelt dieser?

Sascha: Das wäre Angels, etwas Klassisches mit dramatischem Einschlag. Den habe ich tatsächlich für Kiskes Stimme geschrieben, die hatte ich gleich im Hinterkopf,  perfekt für ihn zum Singen. Er hat mich auch mal in Berlin besucht und wir haben ein wenig geprobt und ich wollte unbedingt etwas für ihn schreiben, da er so schön strahlen kann in diesen Höhen. Von der Thematik her geht es um jemanden der sich für einen Engel ausgibt, das kennt man ja, das können vermeintliche Freunde sein, oder jemand der sich positiv verkauft, aber hintenrum ganz anders ist. Darum geht es in dem Song.

Christian: Brauchst Du ein bestimmtes Umfeld, eine bestimmte Stimmung, um Songs schreiben zu können?

Sascha: Die größte Inspiration kommt tatsächlich vom Beobachten, touren hilft da zum Beispiel ganz gut, weil man da auch dementsprechend viel sieht und Eindrücke sammeln kann. Letzten Ende ist es aber dann die Langeweile, wenn ich dann runterkomme. Man kennt das ja mit dem Album/Tour Zyklus…. wenn man nach Hause kommt und es geht schon wieder darum, etwas für das nächste Album zu schreiben. Da brauche ich dann erstmal Langweile um das, was man erlebt hat, zu projizieren. Und wie das so ist mit dem Hobby, beginnt man dann wieder die Gitarre in die Hand zu nehmen, man spielt ein bisschen rum, irgendwann kommt so eine Eingebung und man nimmt es auf.

Christian: Unter Druck geht da bei Dir gar nichts? Viele Künstler brauchen ja eine Deadline um kreativ zu werden!

Sascha: Ja, das habe ich auch. Allerdings nicht für die Initialideen, die haben sich dann schon angesammelt. Wenn es zum Treffen kommt und jeder seine Demos mitbringen soll, die wir uns gegenseitig vorspielen, dann fängt die Arbeit an, weil man dann beginnt, die Demos zusammenzustöpseln. Das bedeutet, bei uns nimmt jeder alle Instrumente auf und darum gibt es auch Versionen mit meinem Gesang; ist ja alles dann schon ein wenig vorproduziert. Es hat jeder von uns ein Studio zuhause und da kommt der Druck ins Spiel! Da ist dann dieses eine Datum und bis dahin sollen die Songs auch soweit fertig sein, damit man sich vorstellen kann, was gemeint ist. Man kann jetzt nicht einfach nur mit einem Gitarrenriff ankommen und dazu ein wenig rumsummen. Vorher hat man nur ein paar Fragmente, vielleicht einen Chorus, einen Vers. Aber noch keinen ganzen fertigen Song und da ist die Deadline ganz gut,  weil das wie ein Arschtritt ist.

Christian: Bei der Pumpkins United Tour war es ja noch nicht so dass ihr zu siebt weitermachen würdet. Hattest Du da mal im Kopf „Was ist, wenn dem Hansen das jetzt so gut gefällt das er bleiben will. Bin ich dann meinen Job als Gitarrist bei Helloween los?“?

Sascha: Nein, es wurde ja im Vorfeld schon direkt so kommuniziert von Markus und Weiki und das betrifft ja  Andi auch, so dass da nichts dergleichen passieren kann. Es war ja schon ein längerer Prozess, es hieß ja nicht von heute auf morgen Hansen und Kiske wollen wieder zurück in die Band. Hansen hab ich schon lange vorher kennengelernt, schon zur ersten Freedom Call Produktion. Man ist sich immer mal wieder über den Weg gelaufen und wir hatten ja auch die Hellish Rock Tour I und II mit Gamma Ray zusammen und Kai ist dann bei der Zugabe mit zu uns auf die Bühne als  wir I Want Out und  Future World gemeinsam gespielt haben. Und so waren wir schon viel zusammen unterwegs und da spricht man auch über das ein oder andere. Mit Michi war das auch so ein Prozess, der hat ja mit Kai und Kosta Zafiriou, der Teil unseres Managements ist, Unisonic zusammen gemacht. Und so hat sich das ganze angebahnt und als es dann ernst wurde, haben Markus und Weiki gleich gesagt, die können gerne dazukommen, aber nur wenn die Band wie sie jetzt besteht auch zusammenbleibt. Das war auf jeden Fall eine gute Entscheidung. Cool fand ich auch von Kai, als es darum ging die Setlist für die Tour zusammenzustellen, dass er nicht nur die Klassiker mitgespielt hat. Er hat sich das ganze Zeug draufgepackt, auch die Songs, die er noch nie gespielt hat und wir sind wirklich als siebenköpfige Band auf die Bühne gegangen. Das hat es total gebracht und ich glaube auch, dass es mit den Grundstein für das kommende Album gelegt hat.

Christian: Gibt es denn noch etwas das Du musikalisch erreichen möchtest?

Sascha: Es gibt immer etwas, aber dazu muss ich gleich sagen: ich bin ein Mensch, der geneigt ist im hier und jetzt zu leben. Und gerade jetzt gibt es bestimmt ein paar Leute, die sich wünschten, sie hätten ein paar Momente mehr genossen. Wenn ich im Augenblick gerade an die ganzen Auftritte denke, schon krass was ich für einen Film erleben durfte, all die Jahre. Das ist einem als junger Musiker gar nicht so bewusst, dass das, was du tust irgendwie einen bestimmten Wert hat. Das du nur stark sein musst und durchhalten musst und dann kommt man schon irgendwie weiter und kann seine musikalischen Ziele erfüllen, glaubt man. Aber das ist ja nicht so, da gehört schon eine gute Portion Glück und auch Beharrlichkeit dazu. Man muss schon ein Stück weit verrückt sein, um das zu machen und sich über die Zukunft Gedanken zu machen, ergibt nicht sehr viel Sinn. So ein Traum kann schnell vorbei sein, man sieht es gerade jetzt, wenn man z.B. nicht auf Tour gehen kann, obwohl man es möchte. Und deswegen sollte man auch jeden Tag genießen. Und ich mache auch keine großen Zukunftspläne. Ich hab schon auch noch einige Sachen, die ich mache, wie mein Soloprojekt, mit dem ich schon noch ein wenig mehr erreichen möchte.

Christian: Zum Schluss stelle ich gern die Frage welche Frage Du denn gern in zehn Jahren hören würdest? (Bei der Fragestellung musste ich aufgrund der Antwort davor schon etwas schmunzeln)

Sascha: Boah, da müsste ich in zehn Jahren erstmal noch leben. Und das hoffe ich einfach mal. Ob ich bis dahin zufrieden war mit meinem Leben, sag ich mal, wäre so eine Frage! Und ich hoffe das ich das dann auch mit Ja beantworten kann.

Christian: Dann wären wir auch schon am Ende. Hast Du noch ein Schlusswort an die Fans?

Sascha: Ich hoffe, dass wir bald auf Tour gehen können, dass alle zahlreich erscheinen werden und wir zusammen wieder ein bisschen Spaß haben können.

Nochmal vielen Dank an Sascha und Helloween für das Interview, hat ihm hoffentlich genau so viel Spaß gemacht wie mir!

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Christian B

Ich höre alles von traditionellem Heavy Metal, Black, Death, Trash, Folk. Power über Punkrock und was es sonst noch so alles gibt, gut muss es halt sein. Bei was es mir allerdings die Zehennägel aufstellt ist langweiliger Prog wie in Dream Theater, Queensrÿche, Opeth und co. zelebrieren. Da schlafe ich schlichtweg ein.

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